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Zum Beleg dafür, daſs der Charakter derselbe bleibe, auf welcher Thatsache die Möglichkeit des Gewissens beruhen soll, führt Schopenhauer die Gewissensbisse an, von welchen Rousseau noch im Alter gequält wurde,„weil er die Magd Marion vor 40 Jahren eines Diebstahls beschuldigt hatte, den er selbst begangen.“„Dieſs ist nur,“ bemerkt er,„unter der Voraussetzung möglich, daſs der Charakter unverändert ge- blieben.“ Das ist gerade umgekehrt ein Beispiel für die Aen- derung des Charakters, wenn auch für die Identität des Selbst- bewulstseins. Wäre nämlich sein Charakter derselbe geblieben, so würde Rousseau unter ähnlichen äuſfseren Umständen dersel- ben elenden Verläumdung nach 40 Jahren noch immer fähig gewesen sein. Seine Gewissensbisse lassen jedoch zur Evidenz darauf schlieſsen, dals er dieser That nicht mehr fähig war. Freilich war er damals Motiven zugänglich, denen er früher nicht zugänglich war, und umgekehrt anderen nicht mehr zu- gänglich, denen er früher zugänglich war. Darum sind aber auch nicht die äuſseren Umstände anders geworden, sondern er ist ein anderer geworden.
Die Willensacte erschienen in den drei ersten Abschnitten (S. 14— 62) auf Grund des unveränderlichen, constanten Cha- rakters mit Nothwendigkeit determinirt. Es soll in den einzelnen Handlungen und in der Gesammtheit aller einzelnen Handlungen als solcher die Freiheit keinen Raum haben. Im fünften Ab- schnitt: Schluſs und höhere Ansicht wird die Verstoſsene wieder in Ehren aufgenommen. Hinter dem empirischen Charakter nämlich liegt ein intelligibeler Charakter, der auf dem Willen als Ding an sich basirt, als welcher der Wille nun doch absolut frei ist. Diese Freiheit wird aus dem Gefühl der Verantwort- lichkeit hergeleitet, das uns bei allen unseren Thaten begleitet. Von dieser neuen Untersuchung mulsten wir erwarten, daſs die darin niedergelegte Anschauung, wenn auch ihre Deduction auſser Zusammenhang stand mit dem Vorangegangenen, doch wenigstens als Resultat zusammenbestehen könne mit dem Vorausgegangenen, daſs die früheren Untersuchungen nunmehr in neuem, wenn auch anderswoher stammenden Lichte um so schärfer hervortreten und höchstens in innerem genetischen Zusammenhange eine Wandelung erfahren würden. Statt dessen finden wir die stärksten Widersprüche zwischen den Re- sultaten und ihrer Begründung der ersten Untersuchung über


