Aufsatz 
Über die Freiheit des menschlichen Willens : zur Beurtheilung der Schopenhauer'schen Lehre von der Willensfreiheit / von Karl Gaquoin
Entstehung
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S. 50 hat er selbst Bresche in das uneinnehmbare Bollwerk des Charakters geschossen, wo er den Fall annimmt, daſs einer aus seinem Charakter fällt(„was stets beweist, daſs einer sich über sich im Irrthum befand“). So veranlaſst also die Erkennt- niſs doch nicht bloſs Aenderung der Mittel zum Zwecke, sie lälst neue Zwecke aufkommen, ja unter Umständen selbst den Charakter nach ihrer Pfeife tanzen. Warum sollte es ihr auch nicht, wenn ihr diese Macht, wie hier geschieht*), zugestanden wird, möglich werden, z. B. üble Seiten des Charakters ganz brach zu legen und dadurch denselben doch zu ändern**)?

Im Contraste zu den unbewuſsten Zugeständnissen hinsicht- lich einer möglichen Umgestaltung des Charakters ist ihm (S. 50) der erworbene Charakter Resultat der Durchführung des eigenen, empirischen Charakters in Folge einer genauen Kenntniſls desselben. Steht diese diabolische Anschauung im Zusammenhang mit anderen Aeuſserungen über sitt- liche Veredelung, in denen er sich zuweilen mit warmer Be- geisterung ausspricht? Auch erlaubt die Annahme eines er- worbenen Charakters(wer ihn besitzt„spielt seine eigene Rolle, die er zuvor, vermöge seines empirischen Charakters, nur natu- ralisirte, jetat kunstgemäſs und methodisch, mit Festigkeit und Anstand..“ S. 50), der ja doch eine Seltenheit bildet, die Mehrzahl der Fälle von nicht erworbenem Charakter, in welchen ein Herausfallen aus dem Charakter möglich sein soll, im Sinne der Freiheit auszubeuten.

*) Wogegen wir uns verwahren; theoretische Einsicht und Erkenntniſs allein bedingt noch keine praktische Aenderung.

**) Den Vertretern eines unbedingten liberum arbitrium wirft Schopenhauer mit Recht vor, daſs sie nicht im Stande seien, die thatsächlichen moralischen Unterschiede der verschiedenen Charaktere zu erklüren und eifert dabei S. 55 gegen eine Ansicht, nach welcher der Ursprung jener thatsächlichen Verschie- denheit etwa entstehen sollte„aus der verschiedenen Art, wie das Objective vom Subjectiven aufgefaſst, d. h. wie es von verschiedenen Menschen er- kannt würde.“„Dann liefe aber alles“ bemerkt er ebendaselbst weiter,„auf richtige oder falsche Erkenntniſs der vorliegenden Umstände zurück, wodurch der moralische Unterschied der Handlungsweisen zu einer bloſsen Verschieden- heit der Richtigkeit des Urtheils umgestaltet und die Moral in Logik verwan- delt würde.“ Ist er aber nicht selbst nahe daran die Moral in Logik zu ver- wandeln, wenn er alle Besserung und Veredelung aus einer Berichtigung der Erkenntniſs ableitet? 1