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es, daß da, wo man einst den Gang der kriegerischen und politischen Ereignisse des weiten Reiches zu über- schauen vermochte und sich berufen fühlte, das Ge- dächtnis derselben der Nachwelt zu erhalten, der Blick immer beschränkter wurde und der Interessenkreis sich kaum weiter als auf das Klostergebiet und die nächste Umgebung erstreckte ¹).
Nicht günstiger liegen die Verhältnisse, wenn man die städtische Geschichtschreibung ins Auge faßt. Es ist hier der Ort nicht, zu untersuchen, aus welchen Gründen sich in Hessen kein größeres Gemeinwesen zu bilden vermochte: genug, daß es dort an Städten fehlte, die durch Volkszahl, Wohlstand und ausgedehnte Beziehungen zu benachbarten Territorien eine höhere politische Bedeutung erlangt hätten; und nur da, wo diese Bedingungen vorhanden sind, kann sich eine städtische Geschichtschreibung von einigem Belang ent- wickeln. Während anderwärts das zu hoher Blüte ge- langte Zunftwesen nicht selten in starken Gegensatz zu den Geschlechtern oder selbst zum Grundherrn trat und sich erbitterte und folgenreiche Kämpfe entspannen, die vielfach den Anlaß zur Aufzeichnung dieser die ge- samte Bürgerschaft lebhaft bewegenden Freignisse gaben, hören wir nach dieser Seite hin von den hessi- schen Städten wenig. An Zwistigkeiten zwischen den einzelnen Zünften hat es, wie wir aus Urkunden wissen,
¹) Da die fuldische Geschichtschreibung sich, soweit er- sichtlich, ganz unabhängig von der hessischen entwickelt hat, so ist sie hier unberücksichtigt geblieben. Nähere Aufschlüsse über dieselbe verdanken wir den Untersuchungen von Harttung in den Forsch. z. deutschen Gesch. XIX, 399 ff., womit Ribsams Aus- führungen in der Zeitschr. für hess. Gesch. N. F. IX, 115 ff. zu vergleicheu sind. Letzterer hat außerdem das. XIV, 196 ff. ein größeres Stück aus der Chronik des Apollo v. Vilbel(†⁸ 1536) herausgegeben.


