Aufsatz 
Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt / Königliches Gymnasium Wiesbaden
Entstehung
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gewidmet wird wie im Jahre 1817, im Griechischen eine Stunde mehr als im Jahre 1854. Freilich ist hierzu noch zu bemerken, dals die von Schellenberg gestellte Forderung der Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Gebrauche der lateinischen sprache heute fortfällt, da der Lehrplan von 1892 als allgemeines Lehrziel nur noch das Verständnis der bedeutenderen klassischen Schriftsteller der Römer und sprachlich-logische Schulung bezeichnet.

Wir kehren nach dieser Abschweifung ¹) für einen Augenblick noch zu der Schellenbergschen Abhandlung zurück. Dieselbe verliert in ihren weiteren Ausführungen an Interesse, denn die Bemerkungen, die der Verfasser über den Unterricht in den übrigen Sprachen sowie in den Wissenschaften und Fertigkeiten macht, enthalten zwar einzelne gute Fingerzeige, sind aber im ganzen ziemlich dürftig. Er will die Aufnahme der verschiedenen Unterrichtsgegenstände in den Lehrplan rechtfertigen. Wenn er aber für das Gymnasium einen besonderen Unterricht in den griechischen, römischen und deutschen Altertümern, sowie über Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften verlangt, so gerät er in einen gewissen Widerspruch mit sich selbst, da er vorher davor gewarnt hat, Universitätsstudien schon auf das Gymnasium zu übertragen, und wenn er auch Encyklopädie aller Wissenschaften betrieben wissen will und dies mit den Worten begründet: Ihr Vermissen unter den früheren Gymnasial-Lehrgegenständen machte eine wesentliche und fühlbare Lücke, die nun ausgefüllt ist, so ist damit in Wahrheit nichts bewiesen. Die Aufnahme der genannten Lehrgegenstände bewirkte unzweifelhaft eine Überladung des Lehrplanes, die sich später als unhaltbar herausgestellt hat. Der Süvern'sche Lehrplan wies diese Fächer aus- drücklich dem akademischen Unterrichte zu.

Schellenbergs Aufsatz schlieſst mit Kufserungen überGymnastik oder körperliche Bildung. Wir sahen, daſs§ 18 des Schuledikts einen öffentlichen Unterricht inkörper- licher Bildung und Übung anordnete(S. 7), und dafs der Lehrplan für die Pädagogien die Beschaffung eines eigenen Platzes zu den gymnastischen Übungen in Aussicht stellte. Es hat in Wiesbaden volle 30 Jahre gedauert, bis dieses Versprechen einigermaſsen eingelöst wurde. Auch ist die Regierung an die Einführung der Leibesübungen von vornherein nur mit einem gewissen Zagen herangegangen. Nach Schellenbergs Ansicht wird der Wert der Turnkunst von manchen über- schätzt; militärische Fertigkeiten, durch viele UÜbungen erworben, vertragen sich nicht mit der Gymnasialbildung und dem Berufe des Gelehrten. Unsere künftigen Gelehrten bedürfen wie jeder Mensch der körperlichen Bildung und Gewandtheit, aber unter den Übungen und Spielen sind nur solche zu wählen, welche ohne Gefahr für die Gesundheit den Körper entwickeln und ausbilden. Der Schüler soll auch über den Spielen nie den Zweck seiner wissenschaftlichen Ausbildung aus den Augen verlieren; endlich muſs dafür gesorgt werden, dals das Ganze der Sittlichkeit der Schüler nicht nachteilig werde. So leuchtet überall die Sorge durch, die Ubungen könnten übertrieben werden. Daſs militärische Ubungen im strengen Sinne von der Schule ausgeschlossen sein sollen, ist nur zu billigen, allein der Begründung, dals militärische Fertigkeiten grundsätzlich dem Berufe eines Gelehrten widersprächen, werden unsere Reserveoffiziere schwerlich beipflichten. Nun ist immerhin anzuer- kennen, dafs Schellenberg die körperlichen Ubungen, wenn auch unter den angegebenen Einschränkungen, als solche empfohlen hat. Nicht seine Schuld war es, dals auf ihre Betreibung in Wirklichkeit gänzlich verzichtet wurde, vielmehr sind hier die allgemeinen politischen Verhältnisse der damaligen Zeit in Betracht zu ziehen. Es waren die Jahre der Reaktion, in denen die Regierungen die aus den Freiheitskriegen stammende patriotische Begeisterung der deutschen Turner und ihre nationalen Ideen miſstrauisch betrachteten. Und als der Jenaer Student und Turner Karl Sand am 23. März 1819

¹) Die Abschweifung greift der Darstellung der spüteren Entwicklung etwas vor. Ich glaubte sie aber nicht zurückhalten zu sollen, weil sie über die Zweckmäſfsigkeit der im Jahre 1817 geschaffenen Ordnung des Lehrplanes ein indirektes, aber deutlich redendes Urteil enthält.