Aufsatz 
Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt / Königliches Gymnasium Wiesbaden
Entstehung
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unserem Volke von Wichtigkeit ist, den Zusammenhang mit dieser Grundlage bei der Heranbildung der Jugend zu erhalten. Dies thut aber seinen methodischen Ausführungen keinen Eintrag. Dieselben zeigen vielmehr den denkenden Schulmann, welcher der zu seiner Zeit grofsen Teils herrschenden Unterrichtspraxis weit voraus war. So verdient es anerkannt zu werden, daſs Schellenberg sich von dem Fehler mancher Philologen frei hält, die damals die Art ihres wissenschaftlichen Studiums auch in den Schulunterricht übertrugen und vielfach die Lektüre der Schriftsteller so behandelten, als ob diese lediglich um der Sprache willen da seien. Mit Recht warnt er davor, Mittel und Zweck zu verwechseln, mit Recht betont er, daſs die Lektüre das Ganze und die Erfassung des Zusammenhangs im Auge behalten müsse. Nur wäre es im Interesse der Sache zu wünschen gewesen, dals diese Anschauungen des Oberschulrates in die nassauischen höheren Schulen tiefer ein- gedrungen wären, als es der Fall gewesen ist. Die Programme wenigstens lassen erkennen, daſs thatsächlich nicht völlig nach diesen Grundsätzen verfahren wurde. Schellenberg fordert z. B., daſs kein Schüler das Gymnasium verlasse, ohne den Homer ganz gelesen zu haben. In Wirklich- keit war der Umfang der Homerlektüre in den ersten Dezennien nach 1819 ein recht geringer. Mehrfach ist in der Prima zu Weilburg ¹) im Laufe eines Jahres nur ein einziges Buch der Ilias gelesen worden. Dabei konnte eine Einführung in das Verständnis des Kunstwerkes als solchen unmöglich erfolgen. Und wenn man ferner vernimmt, dafs die Prima mit der Erklärung eines kleinen Bruchstückes der Sophokleischen Tragödie Antigone beschäftigt worden sei, so liegt auf der Hand, daſs die Schüler über den Aufbau der dramatischen Handlung, die Charaktere der Personen, den religiös- sittlichen Grundgedanken, kurz über alles, was den inneren Gehalt der Dichtung ausmacht, wenig oder nichts erfahren haben. Die Mahnungen Schellenbergs, der die eigentlich bildende Kraft der Lektüre so nachdrücklich hervorhebt, sind offenbar wenig beachtet worden, seine Ratschläge in dieser Beziehung auf dem Papiere stehen geblieben. Es erklärt sich das wohl aus dem Umstande, dals die Mittel, durch welche der Schulreferent für die praktische Befolgung derselben hätte wirken können, ein- gehende Revisionen und Konferenzen mit den Lehrerkollegien, damals nicht üblich waren ²) und die Teilnahme an den öffentlichen Prüfungen, die oft zu bloſsen Schaustellungen ausarteten, einen gründlichen Einblick in den Unterrichtsbetrieb nicht gewährte. Zu berücksichtigen ist ferner, daſs für die pãädagogische Ausbildung der angehenden Schulmänner keinerlei Fürsorge getroffen war. Ein Mangel an Klarheit tritt in Schellenbergs Forderung hervor, dals die Schüler es lernen sollen, sich im Lateinischen mündlich wie schriftlich sprachrein und sprachrichtig auszudrücken. Denn da er den Zweck des Studiums der alten Sprachen zunächst auf die Erzielung der formalen Bildung und das Lesen der Klassiker beschränkt hat, so erkennt man nicht sofort, weshalb er hierfür die freie Beherrschung des Lateinischen im mündlichen und schriftlichen Gebrauche fordert. Möglicher Weise hat er mit seinem Lehrer Fr. Aug. Wolf die Ansicht geteilt, dals nur der in das Verständnis der Alten völlig einzudringen vermöge, der auch in der Weise der Alten zu schreiben verstehe, oder ihm sind die Ubungen im freien Lateinschreiben ein wichtiges Mittel für die Erzielung der formalen Geistesbildung gewesen, allein in seinen Ausführungen finden wir hierüber kein Wort bemerkt. Und wenn Schellenberg gar empfiehlt, dals die Abiturienten eine gröſsere lateinischeAbhandlung liefern sollen, so gewinnt es den Anschein, als ob hier ein Widerspruch zu dem vorher viel enger begrenzten Zwecke des Studiums der lateinischen Sprache vorliege. Wir werden uns diesen Zwiespalt wohl so zu erklären haben, daſs die Forderung des Lateinschreibens von Schellenberg mehr als Erbschaft der Vergangenheit beibehalten wurde. War ja auch das Latein damals immer noch auf manchen Gebieten die vorwiegende Sprache der Gelehrsamkeit. Wenn wir so für einen Grundsatz, den Schellenberg

¹) Der Umfang der Lektüre trat am Gymnasium namentlich seit der Zeit zurück, da Friedemann ihm vorstand. Daſs dieser in seinen philologischen Anforderungen zu weit gegangen sei, zeigt auch Bernhardt(Zur Geschichte des Gymnasiums in Weilburg, S. 6 f.).

²) Vergl. hierzu Bernhardt(a. a. O. S. 10 f.).