Aufsatz 
Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt / Königliches Gymnasium Wiesbaden
Entstehung
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lichen Bildung vorbereitet werden soll, an keine Übersicht, er lernt nichts im Zusammenhange auf- fassen und darstellen. Und darauf mufs vor allem hingearbeitet werden, dals beim Schüler dãs Ganze Leben erhält und zu einem festen Gebäude sich fügt. In jeder Klasse soll ein Prosaiker und ein Dichter statarisch erklärt werden, doch muſs daneben auch der kursorischen Lektüre ihr Recht werden. Über beide Arten der Lesung folgen nähere Belehrungen. Bei dem statarischen Verfahren werden die Autoren anfänglich langsamer behandelt, aber sobald die Schüler in ihre Sprache und Eigentümlichkeiten eingedrungen sind, so ersäufe man den Text nicht in Noten, sondern lese mit steigender Schnelle. Es sollte kein Schüler das Gymnasium verlassen, der nicht z. B. seinen Homer wenigstens einmal durchgelesen habe. Zum Schlusse dieses Abschnittes setzt Schellenberg auseinander, in welcher Weise die Privatlektüre der Schüler zu leiten sei, und erörtert dann näher die Behandlung der lateinischen Sprechübungen und der freien lateinischen Ausarbeitungen der Schüler. In allen diesen Darlegungen finden sich treffliche und noch heute zu beherzigende Gedanken. Aber es wäre ihnen eine planmäſsigere und übersichtlichere Ordnung zu wünschen, und es fehlt an Vollständigkeit sowie hin und wieder an Klarheit der methodischen Belehrungen.

Hinsichtlich des Zweckes der klassischen Studien steht Schellenberg ganz auf dem Stand- punkte seines Lehrers Friedrich August Wolf. Den geistigen Einwirkungen dieses genialen Mannes, des Begründers einer selbständigen Wissenschaft der klassischen Philologie wie einer selbständigen Lebensstellung ihrer Jünger, des akademischen Lehrers, der auf das deutsche höhere Schulwesen einen tief gehenden Einflufs ausgeübt, hat er überhaupt sehr viel zu danken ¹), wie anderer- seits freilich auch die Mängel der Anschauung sich aus diesen Beziehungen erklären. Wolf sah bekanntlich in der Beschäftigung mit dem Altertum das wesentlichste und vorzüglichste Mittel zur antwicklung einer schönen und harmonischen Menschlichkeit, wobei er den Wert anderer Erziehungs- mittel, insbesondere derer, die das positive Christentum und der vaterländische Gedanke bietet, nicht vollkommen zu würdigen wulste. Auch tritt die Bedeutung der humanistischen Studien für das Ver- ständnis des geschichtlichen Werdens unserer Bildung bei Wolf zu sehr in den Hintergrund. Dem- gemäls finden wir auch bei Schellenberg keinen Hinweis darauf, dals uns im klassischen Alter- tum eine der Hauptgrundlagen der modernen Kultur gegeben ist; nirgendwo hebt er hervor, daſs es

¹) Dies sagt auch sein Vater Jakob Ludwig Schellenberg(geb. 1728, gest. als Pfarrer zu Bierstadt 1808) in einer Autobiographie, die im Jahre 1868 als Manuskript für die Familie Schellenberg gedruckt worden ist und in welche Herr Hof-Buchdrucker Schellenberg mir gütigst einen Einblick gestattet hat. Er berichtet, sein Sohn Karl(geb. zu Idstein am 2. Mai 1764) sei im Frühjahr 1782 auf die Universität Halle gegangen, um nach dem Landesgesetze 3 volle Jahre Theologie zu studieren und sich binnen dieser Zeit nur zum Predigtamt geschickt und tüchtig zu machen. Dieser Plan wurde aber nach dem ersten Jahre seines Aufenthalts in Halle abgeändert. Es erging nämlich an den Pfarrer Schellenberg seitens des fürstlichen Konsistoriums die Anfrage, ob nicht sein Sohn geneigt seibloſs auf einen Schulmann zu studieren und deswegen 4 Jahre auf Universitäten zu bleiben, in welchem Falle ihm für das vierte Jahr ein Stipendium von 200 Gulden gegeben werden solle. Dem Vater gefiel das, die Mutter aber war nicht damit einverstanden und schrieb an den Sohn:Wenn ich wülfste, dafs Du wie Dein Vater ein Schulmann werden solltest, so wünschte ich, dafs Du tabula zu deklinieren vergessen möchtest. Der Vater war nämlich vordem Prorektor am Gymnasium zu Idstein gewesen und hatte noch zu Bierstadt eine kleine Privatanstalt. Der junge Schellenberg vergafs aber die erste Deklination nicht und nahm den Vorschlag des Konsistoriums an.Er richtete nun seinen Studienplan ganz anders ein und erwählte sich den Professor Wolf zu seinem vorzüglichsten Lehrer, dem er auch das meiste zu verdanken hat. Wolf war damals eben erst nach Halle gekommen und stand noch in jungen Jahren(geb. 15. Februar 1759), übte aber auf die Zuhörer schon den wunderbaren Zauber aus, von dem seine Halleschen Schüler uns so begeisterte Schilderungen entwerfen.(Vergl. Arnoldt, Friedrich August Wolf in seinem Verhältnis zum Schulwesen und zur Pädagogik I, S. 72 135). Schellenberg scheint ihm besonders nahe gekommen zu sein; denn als er im Jahre 1786 mit der Commentatio de Antimachi Colophonii vita et reliquiis sich die philosophische Doktorwürde erwarb, beglückwünschte ihn Wolf in einem der Disser- tation beigefügten Briefe mit warmen Worten.Quod cum patriae tuae, patronis et optimo parenti de tali cive, alumno, filio gratulandum putem, ego mihi non gratuler, mihi non gaudeam?