Aufsatz 
Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt / Königliches Gymnasium Wiesbaden
Entstehung
Einzelbild herunterladen
  

21

was man bei der Würdigung und Befolgung des Planes nicht aus den Augen verlieren dürfe. Der Aufsatz Schellenbergs, welcher dieser Verfügung beigeben war, ist für das Verständnis der im Jahre 1817 vollzogenen Reform des nassauischen höheren Schulwesens von der gröfsten Wichtig- keit, weshalb wir uns hier näher mit demselben zu befassen haben. Schellenberg geht von dem Gedanken aus, dafs die Beförderung der Humanität eigentlich nicht sowohl Folge der Objekte, mit denen man den Jüngling beschäftigt, als vielmehr der Methode und Beschäftigungsweise sei, die man anwendet. Daher erfordern die gelehrten Schulen, welche so genau ineinander eingreifen und ein geregeltes Ganze bilden sollen, auch Einheit in der Methode, welche keineswegs des Lehrers Manier beschränken darf. Dals diese Methode ausgesprochen werde, ist um der Einheit im Lehrgange und um der jüngeren Lehrer willen notwendig, von welchen nur zu oft Milsgriffe gethan werden. Nachdem dies des weiteren ausgeführt ist, zeigt der Verfasser, dafs der formellen Bildung des Jüng- lings, so sehr dieselbe zu berücksichtigen sei, doch auch Grund und Boden zur Unterlage dienen müsse. Dieser Grund und Boden ist die Kenntnis der physischen und geistigen Anlagen des Menschen und die Kenntnis der Aufsenwelt im Raume und in der Zeit. Es giebt daher vorbereitende Wissenschaften, welche von der Gymnasialbildung nicht ausgeschlossen werden dürfen, da ihr Ziel nicht nur formell, sondern auch materiell ist und der Zögling nicht nur für die Schule, sondern auch für das Leben gebildet werden soll. Die alten Griechen und Römer waren mehr gebildet als gelehrt; in den neueren Zeiten, wo sich die Wissenschaften aus dem öffentlichen Leben mehr in tote Buchstaben zurückgezogen haben, wird mehr auf Gelehrsamkeit als auf Bildung hingewirkt. Man sollte aber das eine thun und das andere nicht lassen; die Schule muſs die formelle und materielle Bildung in gehörigem Verhältnis erreichen. Auf lückenloses Fortschreiten ist der ganze Lehrplan des Pädagogiums und Gymnasiums berechnet. Der Knabe muſs in allen Gegenständen des Unterrichts hinlänglich befähigt sein, wenn er in eine höhere Klasse versetzt werden will. Das Voreilen in einem Gegenstande darf den Lehrer nicht bestechen, und wenn man nicht ernstlich genug gegen Ober- flächlichkeit und Vielwisserei erinnern kann, so ist doch auf der andern Seite eine ein- seitige Bildung ebenso nachteilig. Darum kann die von früheren Zeiten, wo die Gymnasialbildung nur künftige Theologen und Schulmänner im Auge hatte, noch hin und wieder bestehende Meinung, daſs die Kenntnis der alten Sprachen den einzigen Maſsstab der Befähigung des Jünglings abgebe, nicht gebilligt werden, sondern alle Seelenkräfte des Jünglings müssen harmonisch gebildet werden, wozu verschiedener Bildungsstoff nötig ist. Bei den Versetzungen der Schüler, besonders bei dem Übertritt aus dem Pädagogium in das Gymnasium mufs von allen Lehrern gewissenhafte Strenge geübt werden. Nun ist in dem landesherrlichen Edikt wie in dem Lehrplan deutlich ausgesprochen, dals das Sprachstudium, besonders die Muttersprache mit dem Lateinischen und Griechischen, der Hauptbildungsstoff für Zöglinge der Gelehrten-Schulen sein soll. Die Richtigkeit dieser Anordnung wird dargelegt und dabei betont, wie das klassische Studium den wichtigen Vorzug habe, daſs es, zweckmäfsig behandelt, besonders geeignet sei den Menschen sowohl von der intellektuellen als auch von der ästhetischen Seite auszubilden. Doch ist auch nicht zu übersehen, dafs dieses Studium zur Einseitigkeit führen kann, weil es den Zögling aus der wirklichen Welt in eine bloſs idealische ver- setzt, weshalb andere Lehrstoffe, welche den Jüngling in die wirkliche Welt zurückführen, aus dem Lehrplane für die Gelehrten-Schulen nicht ausgeschlossen werden dürfen. Halten aber gründliche Kenntnisse und geübte intellektuelle Geisteskraft mit der Verfeinerung des Gefühls gleichen Schritt, so ist weder Einseitigkeit und Verbildung noch Weichlichkeit zu befürchten, sondern das Höchste, wonach der Mensch ringen soll, eine veredelte Moralität, wird erreicht.

An diese Gedanken schlieſsen sich einige Ausführungen aus dem Gebiete der allgemeinen Didaktik; dann wendet sich der Verfasser zur Betreibung der einzelnen Fächer. Er beginnt mit dem Deutschen, dessen Wichtigkeit er betont und für dessen Behandlung er eine Reihe von Winken giebt. Als Kuriosum verdient daraus mitgeteilt zu werden, daſs die Anstalten die Schüler