Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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262 Des Conrectors J. G. Röchling Beurtheilung des Gymnaſiums.

eines Florus oder Tacitus einzukleiden, auch aus größeren Abhandlungen den Kern und Zuſammen⸗ hang der Gedanken beſtimmt herauszuziehen.

Unter dem 26. Dez. 1781 reichte auch Conrector J. G. Röchling, ebenſo wie die übrigen Lehrer des Gymnaſiums und die Geiſtlichen der Stadt, ein Gutachten über die ſeitherigen Mängel der Schulordnung, insbeſondere der Lehrweiſe des Gymnaſiums, und Vorſchläge zu deren Verbeſſerung ein. Die wiſſenſchaftliche Bildung, die Gewiſſenhaftigkeit und das Lehrgeſchick Röch⸗ lings, welcher ohne Zweifel der tüchtigſte unter den damaligen Gymnaſiallehrern war, ſtehen ſo ſehr außer allem Zweifel, daß deſſen Kritik des reichsſtädtiſchen Gymnaſialweſens für durchaus zuverläſſig zu halten iſt. Röchling ſagt, wenn man faſt an allen Orten mit unermüdetem Fleiße⸗ die Verbeſſerung der Schulen betreibe, ſo dürfe das Gymnaſium zu Worms durch Unthätigkeit. keine allzu ungünſtigen Urtheile erwecken; habe man von verſchiedenen Orten her die Schule herab⸗ zuſetzen geſucht, ſo müſſe man durch weiſe Einrichtung derſelben die boshaften Verleumdungen zu Schanden machen; auch ſei nicht zu leugnen, daß die Wormſer Schulen, lateiniſche und deutſche, wahre Gebrechen haben. Röchling fordert, daß nach der Religion nicht nur keine Wiſſenſchaft ver⸗ nachläſſigt werden dürfe, wodurch die Jugend für höhere Studien vorbereitet werde, ſondern daß auch die Bildung und der Unterricht, wie er für alle Stände des Lebens erforderlich ſei, nicht zurückgeſetzt werden dürfe; ja für diejenigen, die ſich nicht dem Studiren widmeten, müſſe hauptſächlich in einer Schule geſorgt werden, wo ſolche den größten Theil ausmachten, weil jede Schulanſtalt, wofern ſie das Gepräge einer weiſen Einrichtung an ſich tragen ſolle, nach der Lage und dem Bedürfniß des Staates beſtimmt werden müſſe. Der Unterricht müſſe nach⸗ dem Wachsthum der Wiſſenſchaften und der Erweiterung der menſchlichen Kenntniſſe mehr ausge⸗ dehnt werden.Eine Schule, ſchreibt Röchling,die vor fünfzig Jahren(1729) eine wohl⸗ eingerichtete hieß, in der aber ſeitdem keine Aenderung getroffen, wird jetzt kaum den Namen einer mittelmäßigeingerichteten verdienen. Und was für eine Rolle würde ein junger Menſch in der heutigen Welt ſpielen, der ſeine ganze Vorbereitungszeit zu höheren Wiſſenſchaften bloß der lateiniſchen Sprache gewidmet hätte? Vernünftige Aufſeher des Erziehungsweſens geben hierin dem Genio unſeres Jahrhunderts nach, wenn nur der wahre Geſichtspunkt der Schulen nicht verrückt wird. Mit der Erweiterung der menſchlichen Erkenntniſſe ſind nicht nur beſſere und ſchick⸗ lichere Lehrbücher verfaßt, ſondern auch vernünftigere und den Kräften der Seele der Jugend an⸗ gemeſſenere Methoden hervorgebracht worden. Auch dieſes laſſen kluge Vorſteher der Schulen nicht unbenutzt, ſondern ermuntern die ihnen untergebenen Lehrer, bei der ihnen anvertrauten Jugend den beſtmöglichſten Gebrauch davon zu machen. Kein Schulgeſetz, beſonders in Anſehung der Lehr⸗ art, kann ſo genau beſtimmt werden, daß den Lehrern nichts übrig bleibe, nach eignem Gutbefinden zu beſtimmen. Man nehme es daher Lehrern, die über die Methode ſelbſt nachzudenken pflegen, nicht übel, oder ſehe es gar wohl als eine Art der Heterodoxie an, wenn ſie neue und wohl über⸗ legte Verſuche wagen. Denn je mehr ein Lehrer, dem es an nöthiger Geſchicklichkeit und Treue nicht fehlet, die Freiheit hat, in Anſehung der Methode nach eigner Wahl zu verfahren, deſto glücklicher iſt er in Erreichung ſeiner Abſichten und mit deſto größerem Muthe wird er die mit ſeinem Amte verbundenen Beſchwerlichkeiten ertragen. Wehe aber der Schule, wo ſolche billige Freiheit gänzlich eingeſchränkt iſt!Gibt man nun dieſe Grundſätze zu(und welcher geſunde Menſchenverſtand wird dieſelben im Geringſten bezweifeln), ſo wird jeder, der unſere Ver⸗ faſſung kennt, folgende reiflich überlegten, freimüthigen Vorſchläge für höchſt nöthig halten. Röchling wagt es, auch dem reichsſtädtiſchen Scholarchat zu ſagen, wie es wohl beſchaffen ſein ſollte.Man nehme jederzeit zu einem hochlöblichen Scholarchat