Gutachten Nebels, Baurs, Weißenbruchs über das Wormſer Gymnaſium. 261
May errichtet worden, ſagt Herwig, lebte er jetzt noch, er würde ſich in ſeiner Einrichtung in unſere Zeit ſchicken, allein Behutſamkeitempfehlen, daß die Studirenden nicht verkürzt werden.“
Viſitator Nebel warnt im J. 1777 vor Neuerungen im Lehrplan:„Man ſoll nicht mehr ändern, als die äußerſte Noth und ein gewiß zu hoffender Vortheil erfordert. Ich ertheile das zuverläſſige Zeugniß, daß unſere Schulen viel Gutes haben, doch auch einige Verbeſſerung und Hilfe erfordern. Das Gute hat ſich dadurch offenbart, daß gelehrte, rechtſchaffene Männer darin ſind gebildet worden, ſolange der vom ſel. Profeſſor Mayent⸗ worfene vortreffliche Typus fein treulich iſt bearbeitet worden. Die Abweichung von demſelben hat Fehler geboren, mehr oder weniger, je nachdem man ſich mehr oder weniger commod davon entfernt hat.“ Als beſonderen Mißſtand rügt Nebel, daß in Worms die Eltern gründliche Wiſſenſchaft, gute Zucht und Religion nichts achten und daher ihre Kinder nicht einmal in die deutſchen, geſchweige denn in die lateiniſchen Schulen ſchicken mögen, ja wohl in Gegenwart ihrer Kinder höchſt ärgerlich von den Präceptoren reden.„Wie oft iſt ſchon darüber geklagt, berathſchlagt, decretirt, von den Kanzeln verleſen worden! Aber wer kann da helfen?“ „Ein Zuſatz neuer Lectionen oder anderer Uebungen erfordert mehrere Lehrer.“ Bei den Verhandlungen des Jahres 1782 ſchreibt Viſitator Nebel in ſein Protocoll:„In allen Fällen nicht zu ſtarke pensa. Non multa, sed multum: außer in lectionibus cursoriis.“
Am 3. Nov. 1777 ſtellt Pfarrer Johann David Baur bei den theuerſten Vätern der Stadt den Antrag, daß kein Knabe vor dem achten Jahr und ohne daß er gut deutſch leſen und ſchreiben kann, in das Gymnaſium aufgenommen, noch viel weniger nach beſtimmten Jahren, oder nach Gunſt und Anſehen der Perſon, ſondern nach ſeinem Genie und unparteiſſch geprüften Fleiß aus einer Klaſſe in die andere promovirt werde.
Auch der Stadtſchulmeiſter Johann Heinrich Schröder ſchreibt im J. 1777:„Es iſt offenbar ein Verderben für die Jugend, daß Kinder, die weder ſgenügend?] leſen noch ſchreiben können, zur lateiniſchen Schule beredet und gebracht werden, da doch vor Zeiten kein Schüler ins Gymnaſium aufgenommen wurde, er müßte dann wenigſtens im Leſen und Schreiben wohl erfahren ſein. Die Folgen hiervon liegen am Tage, und iſt nicht nöthig, von dergleichen ſtadtkundigen Sachen etwas zu berühren.“
Unter den Reformvorſchlägen iſt auch ein Gutachten des Pfarrers G. Ph. Benj. Weißenbruch leſenswerth. Die zur Vergrößerung der Schülerzahl in Vorſchlag gebrachte Abſchaffung des Schulgelds erſcheint ihm nach der Lage der Stadtkaſſe als frommer Wunſch; die Reform nach dem Muſter der Gymnaſien zu Grünſtadt, Darmſtadt, Karlsruhe, Weilburg erklärt er für dringend nothwendig. Er bekämpft den geiſtloſen, auf das Memoriren von Wörtern ohne Zuſammenhang mit der Lectüre gegründeten Unterricht der einzelnen Klaſſen. Bezüglich der latei⸗ niſchen Schreibübungen der oberen Klaſſen ſchreibt derſelbe:„Was die Lehrart betrifft, ſo kann man nicht wohl ſicherer gehen, als den Fußſtapfen des Abts Reſewitz nachzugehen. Dieſer gründ⸗ liche Mann iſt mit Recht der Meinung, daß man nur von der oberſten Klaſſe fordern könne, über aufgegebene Stoffe lateiniſche Ausarbeitungen zu machen. Es müſſen aber keine weitläufigen Reden oder Chrieen ſein, und an Stoff und Gedanken darf man es nicht fehlen laſſen. Wozu dient es, wenn ein Menſch Redensarten und Stellen aus elenden Hülfsbüchern zuſammenflickt und ein Ganzes daraus bildet, deſſen Theile ſich wundern, wie ſie zuſammen kommen?“ Weißenbruch findet es daher am zweckmäßigſten, ſtatt elender Chrieen ein poetiſches Stück in Proſa zu über⸗ tragen, die umſtändliche Erzählung eines Schriftſtellers ins Kurze zu faſſen, oder in den Stil


