260 Der Rath decretirte die Reform des Wormſer Schulweſens 19. Sept. 1777.
ihm rathen, wozu ſein Genie am beſten ſich ſchickt und ihn ermuntern, die Laufbahn zu betreten, in welche ſein Talent ihn ruft. Wenn nun ſeine Lehrer lauter Theologen ſind, können ſie ihm die Wege vorzeichnen, die ihn zur gründlichen Kenntniß ſeiner Facultätswiſſenſchaft führen?“ In der That— ſchreibt Seybold gegen den Rector Herwig— jeder meiner Leſer, dem kein Schritt zur verbeſſerten Erziehung gleichgültig iſt, wird ſich mit mir freuen, daß es Staaten gibt, worin man den Schullehrer nicht mehr nach dem ſchwarzen Kleide beurtheilt, und wird das Hoch⸗ gräfliche Leiningen⸗Weſterburgiſche Haus und auch den Magiſtrat der reichsfreien Stadt Speier preiſen, daß ſie von dem alten Vorurtheile,„ein Schulmann müſſe ein Theolog ſein“, ſich ſo rühmlichſt entfernen. Denn da ich zu ſtolz bin, mich ſolcher Kenntniſſe zu rühmen, die ich nicht beſitze, ſo ſagte ich's denen, die mich zum Rectorate hier und in Speier beriefen, ganz aufrichtig: ich ſeie kein Theolog von Profeſſion, könne alſo den Habit des Geiſtlichen Standes nicht tragen und bedung mir'’s aus, das bleiben zu dürfen, was ich war, ein Lehrer der Sprachen, Kritik und ſchönen Wiſſenſchaften, oder mit einem Worte— weil man doch alles nach Facultäten rechnet— ein Mann, der ſich zur philoſophiſchen Facultät halte, und auf die Ehre, ſich zu einer anderen rechnen zu dürfen, nicht den mindeſten Anſpruch mache.— Dies geht in Grünſtadt um ſo eher an, da die Lehrer nicht für eine Klaſſe allein beſtimmt ſind, ſondern jeder, durch die oberen Klaſſen wenigſtens, diejenigen Wiſſenſchaften lehrt, in denen er am ſtärkſten iſt. Ein Vortheil, den wir vor vielen anderen haben! Daher lehre ich nicht Theologie, ſondern überlaſſe ſie denjenigen Herren, die ſie nach Herrn Herwigs Verlangen ſyſtematiſch ſtudirt haben. Da ich ein theologiſcher Rector weder bin, noch ſein kann, ſchände ich unſeren Stand, mein ſchwarzer Herr Rector Herwig, wenn ich eine ehrbare Kleidung des ſogenannten politiſchen Standes trage und mithin aller der erlaubten Freiheiten genieße, die dieſem Stande zukommen?“*) Nachdem Seybold in der an⸗ gedeuteten Weiſe die Frage behandelt, ob es gut ſei, daß auf einer Schule nur Theologen lehren, beſpricht er den Character, die wiſſenſchaftliche Bildung und die unklare, geſchmackloſe Schreib⸗ weiſe des Rectors Herwig und beweiſt darin die Ueberlegenheit eines Mannes von Urtheil, Geſchmack und Weltkenntniß.
Als von dem Grünſtadter Gymnaſium im Jahre 1777 und, wie es ſcheint, auch von andrer Seite wirkliche Gebrechen der Wormſer Anſtalt blosgelegt worden waren, erſchien zwar in Worms die Reorganiſation dieſer Anſtalt dringend nothwendig, allein noch vier Jahre lang blieb in derſelben Alles beim Alten. Am 19. September 1777 decretirte der Magiſtrat, Scholar⸗ chat und Viſitator ſollten das geſammte Schulweſen der Reichsſtadt prüfen, und ſowohl der Viſi⸗ tator und die drei übrigen Pfarrer, als auch die Lehrer der lateiniſchen und deutſchen Schulen ſollten Vorſchläge zur Verbeſſerung des geſammten Schulweſens nach den bevorſtehenden Herbſt ferien einreichen. Die zum Theil recht ausführlichen Verbeſſerungsvorſchläge der genannten Per⸗ ſonen, die eine eingehende und im Weſentlichen übereinſtimmende Beurtheilnng des Wormſer Schul weſens enthalten, befinden ſich noch bei den Scholarchatsacten des Wormſer Archivs.
Rector Herwig beantragt nun ſchon 1777 unentgeltlichen Unterricht im Franzöſiſchen, Anſtellung eines Schreib⸗ und Rechenmeiſters, damit die Schüler, die ſich einem praktiſchen Berufe widmen wollen, im Schön⸗, Recht⸗ und Briefſchreiben und Handlungsſtil unterwieſen werden. Insbeſondere ſoll nach Herwig der Lehrtypus der unteren Klaſſen mit mehr Lehrgegenſtänden nach dem Bedürfniß der Gegenwart ausgeſtattet werden.„Unſer Typus iſt von Profeſſor
*) Vgl. Programm des Grünſtädter Gymnaſiums v. Herbſt 1777, S. 6, 7, 9, 10; im Wormſ. Archiv unter den Scholarch.⸗Act., Böhmers Apologie, Nr. 47a, Beil. 10.


