Rector Herwig unterliegt in dem Streit mit dem Rector D. C. Seybold zu Grünſtadt. 259
Unter dieſen Umſtänden iſt in den Jahren 1776 und 1777 ein Zwiſt zwiſchen den Gym⸗ naſien zu Worms und Grünſtadt an der Hardt nicht ohne Intereſſe. Während die Wormſer Schule durch zopfige Geſetzlichkeit, unter den Feſſeln der lutheriſchen Orthodoxie des Geiſtlichen Miniſteriums der Reichsſtadt und gehemmt durch die Schulordnung des Jahres 1729 zum Still⸗ ſtand verurtheilt war, nahm die Grünſtädter Anſtalt unter der Protection des Gräflichen Hauſes von Leiningen⸗Weſterburg und der freiſinnigeren Leitung der Rectoren Knipſer und D. C. Seybold eine Richtung, die mehr im Einklang ſtand mit dem Geiſte des 18. Jahrhunderts. Im Grünſtädter Gymnaſium wurde z. B. im Sommer 1777 in der Klaſſe der Exemten(Selecta) und in der Prima die folgenden Lehrgegenſtände behandelt: Theologie: nach Baumgarten; Hebräiſch: Jeſaias vom 50. Cap. bis zu Ende, Pſalmen bis zum 50.; Griechiſch: nach Gesners Chreſtomathie Thucydides und Xenophons Cyropädie; außerdem Lucian und Evangelium Johannis; Latein: Ciceros 3. und 4. Rede gegen Catilina und deſſen Rede für Milo, Briefe des Plinius, Vergils Bücher vom Landbau; Uebungen im Stil; Deutſch: Uebungen in Auf⸗ ſätzen, Erzählungen, Briefen ꝛc., Redekunſt, praktiſch durch Erklärung der deutſchen Chreſtomathie von Seybold: Franzöſiſch: Telemaque, Uebungen im Stil; Geſchichte: nach Schröckhs Lehrbuch; Geographie: Einleitung in die Politik und Statiſtik, Deutſchland, Frankreich; Mathematik: Arithmetik und Geometrie; Naturlehre nach Schmaling; endlich Antiqui⸗ täten; Philoſophie: Ontologie, Pſychologie, Kosmologie, nach Auszügen aus Feders Handbuch. Um einen derartigen Lehrplan mit Erfolg durchzuführen, glaubte Rector Seybold von Grünſtadt gegen den herkömmlichen Gebrauch, nur Theologen an einem Gymnaſium anzuſtellen, ſich erklären zu müſſen und behandelte in einem Programme ſeiner Anſtalt die Frage:„In wieweit iſt's gut oder nicht gut, daß man die Lehrſtellen größtentheils mit Theologen beſetzt.“ Weil nun gar Rector Seybold am Leiningen ⸗Weſterburgiſchen Hofe bei der Aufführung eines Luſtſpiels von Moliere mitwirkte und dabei einen Ball beſuchte, ſchrieb. der Wormſer Rector Georg Peter Herwig im Oſterprogramm des Jahres 1777:„Sehr zweideutig iſt die Frage: ob die Lehrſtellen mit Theologen größtentheils beſetzt werden ſollen? Es ſeie dann, daß es für rathſam gehalten wird, die Theologen mit den alten Compendien unter dem Arm aus den Schulen zu verweiſen, und an ihre Stellen Comödianten und Tanzmeiſter einzuführen.“ Seybold erwiedert im Herbſtprogramm 1777:„Ich las, ſah wohl, daß dieſer Ausfall mir gelten ſollte— und lächelte. Der Mann muß gehört haben, daß ich in dem vorigen Jahre die Ehre hatte, bei einem Luſtſpiele des Molieére, das meine Gnüädigſten Herrſchaften aufführten, eine Rolle zu ſpielen und dem darauf folgenden Balle beizuwohnen. Der gute Herr Rector, der ſo gar keine Lebensart hat und nichts zu kennen ſcheint, als„arme Schüler!“*) Hat er denn ſowenig Weltkenntniß, daß er nichts von Fürſten, Grafen und Baronen weiß, die zuweilen Theaterſtücke zu ihrem Vergnügen aufführen? Hat er ſo wenig Logik, daß er Diejenigen, die mitſpielen und bei einem Balle ſind, gleich zu Komödianten und Tanzmeiſtern macht?“ u. ſ. w. Seybold geht auf die Streitfrage nochmals ein und führt aus, daß zwar jeder Schulmann, ſo wie jeder andere Chriſt, ſeine Religion ſtudirt haben müſſe, aber daß nicht Profeſſion der wiſſenſchaftlichen Theologie, ſondern Wiſſenſchaft der Sprachen des Alter⸗ thums und auch einiger neueren, Kenntniß der Weltweisheit, der Geſchichte, der Pädagogik, der Naturkunde, der Geographie und noch verſchiedener andern, diejenigen Wiſſenſchaften ſind, die einem Jugendlehrer unentbehrlich ſind.„Wir ſollen unſeren Jüngling in die Welt einführen, ſollen
*) Herwig hatte einige pietiſtiſche Programme geſchrieben unter dem ſonderbaren Titel:„Die göttliche Verherrlichung durch arme ſtudierende Jugend.“ 33*½


