258 M. J. G. Röchling 1775.
holt das Rectorat des Gymnaſiums zu Speyer angeboten wurde, ernannte der Rath denſelben am 11. Nov. 1774 zum Rector des Gymnaſiums.
An Herwigs Stelle wird nun M. Johann Gottfried Röchling zum Conrector oder Lehrer der zweiten Klaſſe ernannt. Im November 1774 bewirbt ſich zwar der Magiſter der dritten Klaſſe Georg Dackermann um die Conrectorſtelle, allein dieſelbe wird aus guten Gründen einem vortrefflichen Schulmanne, dem am 13. Sept. 1748 zu Saarbrück geborenen M. Johann Gottfried Röchling, der damals Lehrer am Pädagogium zu Gießen war, übertragen. Der Viſitator des Gymnaſiums M. Nebel verhandelte im Auftrag des Scholarchats mit Röchling. Derſelbe beanſpruchte eine Beſoldung im Betrage von 400 fl. bei billiger Ver⸗ anſchlagung der Naturalien, damit ſeine Umſtände ſich nicht verſchlimmern möchten, zumal wenn er ſich verheirathen wolle, wozu er Neigung habe. Röchlings College M. Rambach zu Gießen ſchreibt im Jan. 1775, daß er aus der dieſem angebotenen Beſoldungsnote nicht mehr als 300 fl. herausrechnen könne. Rambach, der eine Berufung an das Frankfurter Gymnaſium erhalten, erklärt dem Wormſer Scholarchat, dieſer Gehalt ſei für Röchling zu gering. Denn wenn er ſelbſt auf ſeine neue Stelle am Gymnaſium zu Frankfurt a. M. übergegangen ſei, und wenn— wie beabſichtigt ſei— die 5. Stelle am Pädagogium zu Gießen eingezogen ſei, werde Röchling am Pädagogium zu Gießen einen Gehalt von etwa 400 fl. erhalten. Am 29. Jan. 1775 ſchickte Röchling überdies dem Viſitator Nebel die Abſchrift einer ihm gewordenen Berufung in ſein Vater⸗ land, nämlich als Diakonus und Rector zu Ottweiler bei Saarbrück, mit einem Gehalte von 500 fl.; und Röchling verlangte nun für den Fall, daß er die Wormſer Conrectorſtelle annehmen ſolle, eine ſolche Regelung des Gehaltes, daß er ſich nicht zu ſcheuen brauche, die ihm zu Theil werdende Vocation ſeinem Hofe pflichtmäßig einzuſchicken. Unter dem 7. Februar 1775 überträgt nun der Rath dem M. J. G. Röchling die Conrectorſtelle mit einem Gehalte von 300 fl. an Geld, 8 Malter Korn, 4 Malter Gerſte, 4 Ohm Wein, 500 Wellen Holz; dazu das gewöhnliche Schul⸗ geld. Nach dieſer Beſoldung hatte er alſo eine Zulage von 70 fl. zur alten Conrectorbeſoldung erhalten.— Am 24. April 1775 werden der neu ernannte Rector Herwig und Conrector Röchling im Scholarchat in Gegenwart der zwei übrigen Lehrer, des Magiſters Dackermann und des Cantors Hertel in den Dienſt eingewieſen. Röchling war ein reich begabter, geſchickter und bis zu ſeinem, am 2. October 1787 erfolgten Tod allezeit ein pflichtgetreuer, bewährter Lehrer, dem aber herbe Erfahrungen in der Reichsſtadt nicht ausblieben. Gelegentlich der Reform des Gymnaſiums im J. 1782 wird er empfohlen für den Unterricht im Lateiniſchen, Griechiſchen Franzöſiſchen, Geſchichte, Geographie, Mathematik, Phyſik. Seine zahlreichen Schulbücher ſind verzeichnet in Strieder's Geſch. der heſſ. Gelehrten, Band 12, S. 50—52.
3. Verſuche der Reorganiſation des lutheriſchen Gymnaſiums zu Worms und Zerrüttung deſſelben durch Conflicke in der Schule, Kirche und Bürgerſchaft.
Schon ſehr bald nach der Gründung des fürſtbiſchöflichen Schulſeminariums zu Worms (Nov. 1773), deſſen Lehrplan(vgl. S. 211—213) auf die geiſtigen und praktiſchen Bedürfniſſe des Zeit⸗ alters bereitwillig einging, trat auch an das lutheriſche Gymnaſium zu Worms von verſchiedenen Seiten die Forderung heran, deſſen Lehrplan den Anforderungen der Zeit etwas mehr anzupaſſen. Allein zum Unglück der Anſtalt war damals Georg Peter Herwig, ein in pietiſtiſchen Sonderbarkeiten verirrter Mann, Rector der Anſtalt, der jedem wahren, tiefen, freien und ſchönen Geiſtesleben unüberwindbare Hinderniſſe in den Weg legte und dabei des Wohlgefallens des lutheriſchen Miniſteriums zu Worms ſich erfreute.


