Wiener vertheidigt das Gymnaſium gegen Baſedow'ſche Reformvorſchläge. 255
ſelbſt auch in dieſem will ich nicht glänzen, ſondern nur die Genugthuung haben, meine Stelle in meinem Zuſammenhang anſtändig zu erfüllen. Wäre dieſes nicht meine vornehmſte Abſicht und hielte ich mich nicht verpflichtet, alle meine Zeit und Kräfte auf mein eigentliches Geſchäft zu ver⸗ wenden: ſo hätte ich vielleicht auch Materie und Gelegenheit gefunden, mich zu einem Autor zu legitimiren. Aber jener Ruhm iſt mir lieber, als dieſer.“ Die Programme Wieners vom Jahre 1764 und 1767 enthielten:„Einige beſondere Briefe über den Werth der Wiſſenſchaften und der Gelehrſamkeit.“ Wiegand druckte daraus folgende Stelle ab, worin Wiener ſein Urtheil über Baſedow's Pädagogik und über gewiſſe Bemängelungen und Forderungen ausſpricht, die dem Wormſer Gymnaſium entgegengetreten zu ſein ſcheinen.„Baſedow führet in ſeinem Schreiben. welches von dem Nutzen der Schulen und beſonders der öffentlichen handelt, eine ganz gemeine Sprache. Denn in unſeren Zeiten iſt nichts gewöhnlicher, als daß man denſelben allerlei Mängel vorwirft, und bald an den Lehrern, bald an den Lectionen, bald an der Lehrart und bald an der Zucht unſäglich viel auszuſetzen findet, das Abänderung, Verwechſelung und Verbeſſerung ver⸗ diente. Aller Orten will man die Schulen reformiren. Sowie dieſe Abſicht nach Befindung der Umſtände billig, gut und löblich ſein kann: ſo iſt nur dieſes zu bedauern, daß die wenigſten, ich will nicht ſagen keine, von dieſen anmaßlichen Reformatoren das Schulweſen verſtehen. Daher kommt es, daß man von wahrhaftig guten Vorſchlägen, die auch in der That ausgeführt werden könnten, oder von wirklichen Verbeſſerungen noch ſo wenig Beweiſe ſieht. Wir Lehrer an unſrer Schule preiſen uns glücklich, daß wir bei unſrer wohl feſtgeſetzten Einrichtung gelaſſen werden, da es gewiß iſt, daß kluge und redliche Schullehrer nach einem jeden vernünftig vorgeſchriebenen Grundriß nützlich und dem Zweck gemäß arbeiten können. Demnach würde ich unrecht handeln, ſowohl wann ich durch immer neue Projecte zur vorgeblichen Verbeſſerung unſrer Schule die Ehre unſrer Vorfahren, von denen wir unſre Einrichtungen bekommen haben, ſchmälern, als auch wenn ich den Hochpreislichen Vorſtehern und Aufſehern unſers Gymnaſii bei dieſer Gelegenheit, auch öffentlich, Dank abzuſtatten mich entziehen wollte, davor daß Sie mit unſerer Amtsführung eine uns höchſt ſchätzbare Zufriedenheit bezeugen und in allen Fällen Huld und Herablaſſung beweiſen. Dieſes iſt gewiß der ſtärkſte Antrieb, unſere Treue, Fleiß und Eifer nach allen Kräften unſern Pflichten gemäß zu verwenden. Mängel haben wir ſowohl, als wir auch unſre Schule nicht davon freiſprechen wollen. Allein gegen das Erſte ſind wir Menſchen, die immer mit Unvollkommenheiten umgeben ſind. Jedoch hoffen wir nicht nur wegen der eigenen Erkenntniß unſrer Schwachheit, ſondern auch wegen unſrer Bereitwilligkeit und Beſtreben, uns mit der Hülfe Gottes immer tüchtiger zu unſrem Amte zu bilden, und gute wohlgemeinte Weiſungen und Vorſtellungen ſorgſam lich anzunehmen, Gefälligkeit und Nachſicht zu verhindern. In Anſehung des Andern ſind wir der unveränderten Geneigtheit und Rückſicht unſerer hochzuverehrenden Obern und Vorgeſetzten ſo viel mehr verſichert, als Sie Selbſten Erleuchtet ermeſſen, daß es in gemeinen oder öffentlichen Auſtalten allemal leichter ſei, Unvollkommenheiten zu bemerken, als wegzuräumen. Dennoch werden die aus unſerem Unterricht entlaſſenen jungen Leute vor uns der beſte Beweis ſein, daß wir nicht ohne Frucht an ihnen gearbeitet haben, und unſrer Obliegenheit nach Vermögen genugzuthun trachten.“ Von folgenden Programmen Wieners gibt Wiegand nur die Titel: 1. Analecta historico- critica de Sodalitate litteraria Rhenana circa finem sec. XV. et aliquanto post cele- berrima eiusque Conditore Conr. Celte Protucio et praeside J. Camer. de Dalburg Episc. Vormat.; Progr. vom Jahre 1766.— 2.„Von der in den Jahren 1527 und 1528 zu Worms bei dem Buchdrucker Peter Schöffer zuerſt herausgekommenen deutſchen Ueberſetzung der Propheten von Ludwig Hätzer; Progr. v. J. 1770.(Vgl. oben über den Wiedertäufer L. Hetzer S. 41—46,


