2. Biſitatoren, Rectoren, Lehrer und Einrichtungen des lutheriſchen Gymnaſiums während der fünßzigjährigen Geltung der May'ſchen Schulordnung.
Ein neues Leben ſchien für die Anſtalt anzubrechen. Der neue Lehrplan vom 16. Sep⸗ tember 1729 berechtigte die Anſtalt, höhere Ziele zu verfolgen, und wie das innere Leben der Schule ſich erneuern und befeſtigen ſollte, ſo wurde dieſelbe damals in ein neues geräumiges Schulhaus verſetzt. Aber auch in das neue Haus zog der alte Unfriede ein. Rector M. Müller, der im Jahre 1732 nach Worms berufen wurde, ſchrieb im Schulprogramm des Jahres 1736: „a longo usque tempore vesana docentes vexavit discordia.“ Weil nämlich die ganze Ver⸗ waltung des reichsſtädtiſchen Gymnaſiums ſein Lehrercollegium auseinander riß und eine innere Einheit desſelben nicht zu Stande kommen ließ, indem die einzelnen Collegen nicht unter ſich und in ſich den Mittelpunkt ihres amtlichen Wirkens fanden, ſondern an draußen ſtehende Perſonen des Raths, des Scholarchats und des geiſtlichen Miniſteriums ſich anlehnten, die oft ſelbſt in Anſichten und Beſtrebungen auseinandergingen: ſo floh der Geiſt des Friedens und der Freudigkeit die meiſten Rectoren und Lehrer, die an dem Gymnaſium wirkten. Da Umtriebe in der Reichs⸗ ſtadt einen tüchtigen Lehrer, der ſein Amt ohne Anſehen der Perſon treu und gerecht verwaltete, ſchwer ſchädigen konnten, wenn er das Unglück hatte, den mangelhaften Sohn eines Dreizehners, eines Scholarchen oder Rathsverwandten unter ſeine Schüler zu zählen: ſo waren im 18. Jahr hundert gerade die ernſteſten und tüchtigſten Lehrer und Rectoren allezeit beſonders zu beklagen. Glücklicher waren nur diejenigen, die auf Grund auswärtiger Beziehungen im Herzen die ſtille Hoffnung hegen durften, ſicher einmal den dornenvollen Pfad des Lehrerberufs in der Reichsſtadt wieder verlaſſen zu können. Dieſe Andeutungen werden wohl ſchon durch nachfolgende Mit⸗ theilungen illuſtrirt. Aber die Feder ſträubt ſich dagegen, in vorliegender Arbeit nach den Scholarchatsacten die Scenen der Leidenſchaften und unſäglichen Jammers zu zeichnen, denen wir in dem Wormſer Schulleben des vorigen Jahrhunderts begegnen.
Das neue Gymnaſialgebäude wurde im December 1729 vollendet. Als die Stadt im Jahre 1689 ein Raub der Flammen wurde, verbrannte auch das damalige Gymnaſialgebäude. Im Wormſer Archiv befindet ſich unter Peter Hammans Bildern der zerſtörten Stadt auch die Ab bildung der Ruine des abgebrannten Gymnaſialgebäudes und ſeiner Umgebung, und zwar auf dem Blatte, das überſchrieben iſt:„Eygentliche abbildung und genauer Entwurff(inwendtig und ſonder lichen auf dem Markt) der Müntz und andtern burgerlichen Häuſſern ꝛc.; die Müntz A. Bürger hof B, lateiniſche Schul C“ ꝛc. Nach dieſem Bilde ſtand das abgebrannte Gymnaſialgebäude auf dem freien Platze zwiſchen der Petersgaſſe und der heutigen Dreifaltigkeitskirche, an deren Stelle vor 1689 die Münze ſtand. Dieſer Platz, der heutige„Schulhof“, hieß einſt der Barfüßerplatz. Das von Hamman gezeichnete Gymnaſialgebäude ſtand vor 1689 dicht an der ſüdlichen Grenze dieſes Platzes, grenzte alſo ganz nahe an die öſtliche Hälfte der früheren Münze und der ſpäteren Dreifaltigkeitskirche, und zwar hatten die Längenſeiten der Münze und des Gymnaſiums die Rich⸗ tung von Weſten nach Oſten, geradeſo wie die heutige Dreifaltigkeitskirche. Das abgebrannte Haus war zweiſtöckig, hochgiebelig, und hatte drei Fenſter in die Breite, 8— 10 Fenſter in die Länge. Dieſes Haus war an der ſüdlichen Grenze des im Jahre 1527 von dem Magiſtrat in Beſitz genommenen Barfüßerkloſters von der Stadt Worms aufgebaut worden. Als nach dem großen Brande die Stadt wieder aufgebaut wurde, wurde das abgebrannte Gymnaſium in den ſtehen gebliebenen Umfaſſungsmauern wieder aufgebaut. Allein in dieſer Weiſe entſtand doch nur ein


