222 Das Gymnaſium wird vierklaſſig im Herbſt 1715: M. Wild Prorector in der neuen Klaſſe.
ſchen in das Griechiſche oder umgekehrt; Correctur derſelben durch den Lehrer zu Hauſe vorzu⸗ nehmen; dann dictirt der Lehrer ſeine eigene Compoſition, die, wie alle von dem Lehrer dictirten Compoſitionen, in ein Buch eingetragen und bei der öffentlichen Prüfung vorgelegt werden.— Hebräiſch: Erlernung der meiſten Wurzeln und Stämme, vieler Vocabeln, der Conjugationen; Uebung in der Analyſe hebräiſcher Texte nach den Regeln Schickard's und„mit Beifügung des⸗ suscitabuli M. Michaelis Beckii.“— Logik: Theorie der Logik nach Weiße, praktiſche Uebungen, u. A. in der Compoſition und Analyſe der Syllogismen.— Rhetorik: Regeln der Rhetorik nach der Rhetorica contracta Vossii oder den institutionibus orat. Weissii. Praktiſche Uebungen, beſonders nach Reyheri Thesaurus epistolicus.— Moral: nach der eingeführten Philosophia practica Buddei.— Historica,. Chronologie und Geographie ſollen Mittwochs und Samſtags am Nachmittag gelehrt werden.— Die Anzeige zu den Semeſterprüfungen ſoll im Namen der Scholarchen von dem Viſitator drei Wochen vor der Prüfung erfolgen, die Einladung zu der Prüfung ergeht von dem Rector an die Scholarchen, an die Prediger durch die Primaner. Die öffentlichen Actusreden der Schüler ſollen nicht von den Lehrern angefertigt und von den Schülern⸗ gelernt werden, ſondern ſollen von dieſen proprio Marte nach den Anleitungen der Lehrer ange⸗ fertigt werden, damit man daran die logiſche, ſtiliſtiſche und wiſſenſchaftliche Bildung der Schüler
erkenne.— Die Verſetzungen der Schüler werden nach dem Examen auf Gutbefinden der Scholarchen eingerichtet und in deren Namen von dem Viſitator vollzogen.— Die Ferien dauern im Herbſt 14 Tage, zu Oſtern 3 Wochen.— Die Lehrer müſſen in ehrbarer, ihrem
Stand und Amt wohl anſtehender ſchwarzer Kleidung mit ihren Mänteln in der Schule erſcheinen. Die Schüler müſſen die ganze Schulzeit in ihren Mänteln ſitzen und auf den Straßen darin gehen; ſollen ihren Lehrern Achtung und Gehorſam erweiſen, in der Schule wie an einem Gott geheiligten Ort in ihren Mänteln ſtille und eingezogen ſich verhalten. Außerhalb der Schule ſollen ſie alle Bosheit, Muthwillen und andre gottſeligen chriſtlichen Schülern übel anſtändige Stücke und Tücken vermeiden, des Spielens, ſonderlich auf dem Biſchofshofplatz, des Tabak⸗ ſchmauchens, Kartenſpielens, Weintrinkens und Zechens in den Wirthshäuſern und Pfaffenkellern, auch des kalten Bads ſich gänzlich enthalten. Und weil durch Indulgenz dem Schießen, Jagen, Fiſchen und Vogelſtellen nachzuhängen, viele ſonſt capable ingenia verdorben worden, ſoll ſolches gänzlich verboten ſein. Der Viſitator ſoll ſich durch häufiges Viſitiren überzeugen, ob dieſen Schul⸗ geſetzen nachgelebt wird. Städt⸗Burgermeiſter und Rath ſchärfen endlich insbeſondere dem Rector, Conrector und übrigen Präceptores ein, daß ſie dem Viſitator bei Verrichtung ſeines Amts ſich nicht widerſetzen, falls ſie aber von ihm gravirt zu ſein vermeinten, ſolches den Scholarchen vor⸗ bringen. So geſchehen den 11. April 1705.*) Im Herbſte 1715 wurde die Anſtalt von dem Rector Strohm erweitert: zwiſchen der unterſten Klaſſe des Cantors Fliedner und der zweiten Klaſſe des Conrectors Koch wurde eine neue Klaſſe eingeſchoben, deren Lehrer M. Johann Michael Wild mit dem Titel eines Prorectors wurde. Nach den Angaben der ſtädtiſchen Rechenſtube bekleidete derſelbe die neue Stelle, mit der ein Gehalt von 150 fl. und einer Wohnungs⸗ entſchädigung von 37 fl. 30 kr. verbunden war, vom Herbſt 1715 bis gegen Ende April 1720. Wild verließ die Anſtalt, nachdem er eine Berufung nach Heilbronn angenommen.— Die Anſtalt behielt nun die vier Klaſſen bis in die Zeit der Franzoſenherrſchaft. In den Jahren 1732—1735 und 1750—1753 wurde ſogar eine fünfte Klaſſe eingerichtet. Nachdem die Anſtalt 1715 vierklaſſig geworden, behielt ſie wohl zunächſt doch noch den Lehrplan des Jahres
*) Eine ſchlechte Copie obiger Schulordnung befindet ſich im Wormſ. Archiv bei den Scholarchatsacten.


