Drei Lehrer in 3 Klaſſen 1701—1715. Lehrplan des dreiklaſſigen Gymnaſiums vom 11. April 1705. 221
der Klaſſen der Anzahl der Lehrer entſprach, mit ziemlicher Sicherheit zu vermuthen, daß das wieder erſtehende Gymnaſium von 1698—1700 zunächſt eine Klaſſe mit Abtheilungen, dann zwei Klaſſen beſaß, und erſt nachdem 1701 der Conrector Koch in ſein Amt getreten war, wiederum drei Klaſſen einzurichten vermochte. Erſt im Jahre 1715 wurde die Anſtalt wieder vier⸗ klaſſig. Das Wormſer Jeſuiteneolleg hatte im Jahre 1707 und ſpäter nur drei Klaſſen(vgl. oben S. 193 u. 202). Als das Gymnaſium noch dreiklaſſig war, verließ dasſelbe im Jahre 1707 der Cantor Koderhalt. Rector Strohm und Conrector Koch erhielten nun im Jahre 1708(nach dem ausgezahlten Gehalte zu ſchließen, um die Mitte des Jahres) den Cantor Krewedünker und als deſſen Nachfolger ſeit Anfang des Jahres 1711 den Cantor Johann Marcus Fliedner aus Wertheim, wo er Cantor geweſen, zu Amtsgenoſſen. Fliedner blieb Cantor und Lehrer der unterſten Klaſſe bis in das Jahr 1748. Krewedünker und Fliedner bezogen geringeren Jahres⸗ gehalt als deren Vorgänger Koderhalt, nämlich nur 150 fl. und keine Miethentſchädigung, und zwar unverändert in den vierzig Jahren von 1708—1748. In welcher Weiſe mag nun wohl das dreiklaſſige Gymnaſium in den Jahren 1701— 1715 ſeinen Unterricht in den einzelnen Klaſſen geſtaltet haben? Nachdem die alte Schulordnung des 17. Jahrhunderts gelegent lich der Zerſtörung der Stadt verloren gegangen, führte der Rath eine von dem Scholarchat entworfene Unterrichtsverfaſſung durch Decret vom 11. April 1705 ein. Beſtimmungen derſelben waren folgende: Eidliche Verpflichtung aller Lehrer auf das lutheriſche Bekenntniß, wie es im Concordienbuch ausgeſprochen iſt, Prüfung anzuſtellender Lehrer durch Viſitator, Scholarchen und Prediger hinſichtlich ihres Glaubens; Theilnahme der Lehrer an Predigten, Betſtunden, heil. Abendmahl mit ihren Schülern, beſonders wenn der Geſang von dem Singchor der lateiniſchen Schule aufgeführt wird; Geleitung der Schüler zur Kinderlehre durch die Lehrer; Prüfung der Schüler durch die Lehrer über den Inhalt der jeweilig gehörten Predigt; tägliche Leſung der heil. Schrift in der Schule; Morgen- und Abendandacht der Zöglinge des Alumnats: Geſang, Gebet, Leſung der Schrift. Lehrbücher für Religion: Dicta classica scripturae saerae, Luthers Katechis⸗ mus, Dieterici catechismus Latinus.— Zeit der Unterrichtsſtunden der drei Klaſſen des Jahres 1705: für die oberen Klaſſen im Sommer von 7—10 und 12—3 Uhr, im Winter von 8—10 und 12—3 Uhr, am Mittwoch und Samſtag waren die Nachmittage frei. Die Singſtunden werden von 12—1 Uhr Montags, Dienſtags, Donnerſtags und Freitags abgehalten; und zwar Montags und Dienſtags Choralgeſang, Donnerſtags und Freitags Figuralgeſang.— Es folgen hier die durch Decret vomn 11. April 1705 für die drei Klaſſen vorgeſchriebenen Unterrichtspenſa. Klaſſe III: Leſen, Schreiben, Rudimenta der lateiniſchen Sprache: Einübung der Declinationen und Conjugationen. Anfang in der Behandlung des Orbis pietus.— Klaſſe II: Latein: Fortſetzung der lateiniſchen Grammatik und des Orbis pictus. Cornelius Nepos; wöchentliches Exercitium dom., zuweilen ein extemporaneum stili. Die ſchriftlichen Arbeiten aller Klaſſen ſollen von dem Lehrer zu Hauſe corrigirt werden, und hierauf ſoll den Schülern von dem Präceptor für jedes
Exercitium eine verbeſſerte Compoſition dictirt werden.— Proſodie und Metrik: wöchentlich einmal Uebung in der„Wiedereinrichtung zertrennter Verſe.“— Griechiſch: Formenlehre;
Anfang in der Lectüre des griechiſchen neuen Teſtaments. Den fortgeſchrittenen Schülern werden wöchentlich einmal griechiſche Sentenzen dictirt. Klajſe. I: Latein: Repetition der lat. Formenlehre und Syntax der lateiniſchen Sprache. Vocabularium. Lectüre: Muret, Ciceronis epistolae& ora- tiones, de officiis. Curtius. Wöchentliches Exercitium dom., zuweilen ein extemporaneum stili. jedesmal Dictat der verbeſſerten Compoſition. Metriſche Uebungen.— Griechiſch: Fortſetzung in der Grammatik und in der Lectüre des griech. neuen Teſtaments. Exercitien aus dem Lateini⸗


