218 Joh. Friedr. Seidenbänders Gedanken über die Wiederherſtellung des Gymnaſiums zu Worms.
dem gemeinen Weſen nützlich ſein können oder ein Abſchaum desſelben werden. Es wäre alſo vornehmlich darauf zu ſehen: 1. daß man ohne partialité geſchickte Leute durch eine freie Be⸗ rufung vocire, denen aber nicht zu genau das salarium zugeſchnitten ſei, damit ſie mit Freudigkeit arbeiten können. 2. daß die stipendia derer alumnorum nicht nach recommendation, ſondern nach dem guten Genie ausgetheilt werden, welche künftighin ihrem Vaterland große und treue Dienſte thun können. 3. auf eine gelaſſene und unverdroſſene Unterweiſung iſt zu ſehn, ſonderlich in der theologie. Welcher praeceptor dieſe Gabe nicht hat, der iſt kein Schulmann und wäre beſſer absentirt. 4. hingegen wären eines recht qualificirten Schulmanns Verdienſte hoch zu ſchätzen; welchen man auch nicht in behöriger Beſtrafung ihrer Jugend reprochiren ſoll. 5. ein guter praeceptor und wahrer philosoph muß fromm ſein, dieſes macht ihm den göttlichen Segen. Denen Schülern hingegen iſt beizubringen ihr dreifacher Endzweck, warum ſie lernen: 1. daß ſie durch Tugend und Gottesfurcht rechtſchaffene Chriſten werden, 2. daß ſie ſich prüfen, was ſie nach ihrer Fähigkeit vor eine profession ergreifen ſollen, es ſei jura, theologie, medicin, oder ein ſchwaches ingenium ein Handwerk. 3. daß die ſtudirende Jugend den Stoff ihrer ſonſt künftigen Verwüſtung ihres Glücks und ihrer Ehre, nemlich die Leidenſchaften, zu unterdrücken ſuchen ſollen, als: ihre eigene Einbildung, die Begierden und das Tadelhafte in ihrem Wandel, dagegen die Tugenden Beſcheidenheit, Menſchenliebe, Gerechtigkeit, Klugheit und Geduld erlernen.— Zu einer guten Schul wird ferner erfordert die Anſchaffung einer publiquen Bibliotheque, welche aber die commoditaet des Bibliothecarii nicht verſchließen darf, ſondern welche vor Regiments-, geiſtliche⸗, Schul- und gelehrte⸗, auch ſonſt anſehnliche Perſonen offen ſtehen muß. Hiezu wird erfordert: 1. die Wahl auserleſener Bücher durch alle facultaeten, 2. dieſes anzuſchaffen, wäre bei beſſeren Umſtänden eine pension dazu auszuwerfen. Wäre aber dieſes nicht, ſo könnte man folgende Mittel ergreifen: 1. daß man trachte, wohl gewogne Gelehrte an der Hand zu halten, die ihre Bibliotheken hinein vermachen, 2. daß man denen competenten ſämmtlicher Raths⸗ bedienung eine Verehrung dahin zumuthe, 3. daß denen Fremden, welche die Bibliothek ſehen, auf gute Art beigebracht werde, die Bibliothek mit ihrem Andenken zu beehren. Wäre auch zu ſorgen, daß die Bibliothek an einem feuchten Ort nicht Noth leide.“*) Die nachſtehende Erzählung verfolgt einen faſt annaliſtiſchen Gang, damit die Mittheilungen über die Entwickelung der Organiſation, die Perſonalien und die äußeren Verhältniſſe der Schule nicht auseinander geriſſen werden, ſondern in ihren natürlichen Beziehungen ſich unter einander ergänzen. Aber wo eine Perſönlichkeit zum erſtenmal erwähnt wird, werden auch Angaben über dieſelbe aus ſpäterer Zeit ſogleich beigefügt. Am 17. Mai 1698 war für die Beaufſichtigung des ſoeben wieder eröffneten Gymnaſiums noch nicht geſorgt, denn der Magiſtrat ſchreibt an dieſem Tage an Dr. Spener nach Berlin, er ſei in der Beſtellung des geiſtlichen Miniſteriums begriffen, und der Rector des Pädagogiums zu Darmſtadt, Georg Matthias Weiler, komme dabei in Vorſchlag; da aber deſſen Orthodoxie und Erfahrung in Zweifel gezogen würden, ſo wünſche der Rath Sr. Hochehrwürden als eines rechtſchaffenen Gottesgelehrten Urtheil über Rector Weiler zu hören. Der Rath bat um Speners gewiſſenhaften Rath, da in dem damaligen zerrütteten Zuſtand der Kirchen eine herzliche Bekehrung zu Gott höchſt⸗ nöthig ſei. Der Rath bittet Dr. Spener, ihm einen rechtſchaffenen Theologen zur erſten Pfarrſtelle vorzuſchlagen.— Schon im folgenden Monate bietet der Rath dem Pfarrer zu Landau M. Mehl das Amt des erſten Predigers, des Seniors des geiſtlichen Miniſteriums und des Gymnaſialviſitators an. M. Johann Heinrich Mehl ſoll ein unterrichteter Mann geweſen ſein.
8*) Chron. der Wormſ. Gymn.⸗Bibl. Fol. XLVI b.


