Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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VI.

Das l(utheriſche Gymnaſium der Frei⸗ und Reichsſtadt Worms im 18. Jahrhundert.

1. Bie Wiederaufrichtung der Reichsſtadt Worms und ihres Gymnaſiums bis zur Organiſation vom 16. September 1729.

Nach der Zerſtörung der Stadt hielten ſich die Mitglieder des Raths der Dreizehner bis zum Abſchluß des Ryswicker Friedens(1697) im Exil, beſonders zu Frankfurt auf. Mehrere ſtarben daſelbſt in dieſer Zeit: Joh. Georg Knode und Peter Moritz ſtarben 1689, Otto Wilhelm Wandesleben 1692, Philipp Ludwig Schütz 1693, Joh. Andreas Bay und Johann Schippel 1694. Deshalb wurden im Jahre 1694 zu Frankfurt in der Wohnung des Wormſer Stadtſyndicus Lic. Plappert ohne Zuthun des Biſchofs zu Worms für die verſtorbenen Dreizehner Erſatzmänner ge⸗ wählt. Im Jahre 1695 ſtarben noch die Dreizehner J. Georg Bücher zu Frankfurt, Joh. Michael Melchior zu Darmſtadt. Aus dem Exil wahrte der Rath, ſoweit er es vermochte, die Intereſſen der Stadt. Im Jahre 1696 übergab er vor dem Ry'swicker Friedensſchluſſe in Regensburg die oben(S. 126, Anm.) erwähnte Berechnung des durch die Zerſtörung der Stadt erwachſenen Schadens. Mittlerweile hatten ſich zunächſt die Beſitzer des Wormſer Ackerlands und manche Handwerker ſchon ſeit 1689, zuerſt auf der Maulbeerau und in den benachbarten Dörfern, dann inmitten der Ruinen der Stadt wieder aufs Nothdürftigſte eingerichtet. Die Preiſe des Ackerlands waren ſo heruntergegangen, daß z. B. im Jahre 1694 im Liebenauerfeld 1 ¾ Morgen Ackerland für 21 fl. 20 kr. verkauft wurden. Bis zum Frühjahr 1693 hatten die evangeliſchen Anſiedler in den Ruinen der Stadt, die früher vier evangeliſche Geiſtliche hatte, nach dem Abgang des Pfarrers Schild (ſ. oben S. 125.), noch einen Pfarrer, Conrad Textor. Es war derſelbe, der am 31. Mai 1689, als die Flammen aus der Stadt zum Himmel ſtiegen, den Bewohnern von Worms, die in dem Walde auf der Inſel Maulbeerau die nächſte Zuflucht geſucht, den 124. Pſalm zu ihrer Tröſtung und Aufrichtung vor die Seele führte:Wo der Herr nicht bei uns wäre, wenn die Menſchen ſich wider uns ſetzen, ſo verſchlängen ſie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns ergrimmete; ſo er⸗ ſäufte uns Waſſer, Ströme gingen über unſere Seele. Gelobet ſei der Herr, daß er uns nicht gibt zum Raub in ihre Zähne. Unſere Seele iſt entronnen, wie ein Vogel dem Strick des Vog⸗ lers. Der Strick iſt zerriſſen, und wir ſind los. Unſere Hülfe ſteht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Der Gottesdienſt, der mit Gottes Hülfe wieder erſtehenden Stadt wurde zunächſt in der hinter Mariämünſter gelegenen Meinhartskirche⸗ gehalten, die vom Brande verſchont worden war. Pfarrer Textor ſtarb im Frühjahr 1693. Sein Nachfolger wurde Johann Nikolaus Speck. Nachdem am 30. October 1697 der Ryswicker Frieden geſchloſſen worden, kamen allmählich immer mehr zerſtreute Bürger nach Worms zurück und be⸗