Lehrplan des fürſtbiſchöflichen„Schulſeminars“ zu Worms 1773—1774. 213
Fache verwendet. Demnach lernen die Schüler einer Klaſſe zu gleicher Zeit bald bei dieſem, bald bei jenem Lehrer. Für das Lateiniſche ſind wöchentlich 12 Stunden für jede Klaſſe vorgeſehen. Der Anfang der halbjährigen Schulzeit wird gewöhnlicher Weiſe am 1. Nov. und 1. Mai gemacht.
Leider fehlt uns bis jetzt das ausreichende Material, um die Geſchichte der Eröffnung, der allmäligen Entwickelung, der Blüte und des Rückgangs des fürſtbiſchöflichen Gymnaſiums zu Worms für die Zeit von 1773—1803 zu bearbeiten. Es mangelte uns bis jetzt an Programmen der Anſtalt und Acten über das Perſonal derſelben. Vielleicht findet ſich unter den Ueberreſten des kurfürſtlichen Archivs zu Mainz und in den Bibliotheken verwandter Anſtalten, was zum Abſchluß vorliegender Arbeit noch erforderlich iſt. Die unteren Abtheilungen des fürſtbiſchöflichen Gymnaſiums zu Worms wurden jedenfalls ſchon im Spätherbſte 1773 eröffnet. Zwei Lehrer des früheren Jeſuitencollegs hatten ihre Bereitwilligkeit erklärt, Lehrer an der neuen Anſtalt zu werden, und ſie hätten die wenigen katholiſchen Kinder aus Worms, die zunächſt die neue Anſtalt beſuchten, im Winter 1773/74 allein unterrichten können; allein die neue Schule huldigte nach dem kur⸗ mainziſchen Lehrplane dem Fachſyſtem und mußte wohl ſofort mit einer größeren Zahl von Lehrern beginnen. Das uns vorliegende Schriftchen, mit dem am 16. April 1774 zu der„zwoten öffent⸗ lichen Prüfung der fürſtbiſchöflichen Mittelſchule zu Worms auf den 19. und einige der folgenden Tage des Aprils 1774“ eingeladen wird, iſt unterzeichnet:„Präſes und Profeſſoren des fürſtbiſchöflichen Gymnaſiums zu Worms.“ Es iſt alſo kein Zweifel, daß ſchon im Winter 1773/74 ein ausreichendes Lehrercollegium vorhanden war. Daß die junge Anſtalt ſchon im Herbſte 1773 eröffnet wurde, geht auch daraus hervor, daß dieſelbe zehn Wochen vor dem 19. April, alſo gegen den 7. Januar 1774, ſchon die erſte Prüfung abhielt. Daß die junge Anſtalt damals nur eine Unterklaſſe, vielleicht mit Abtheilungen, beſaß, ergibt ſich daraus, daß in der gedachten Einladung geſagt wird, die bevorſtehende Prüfung werde zugleich die Entſcheidung geben,„welche von den Schülern in die zwote Klaſſe zu ſteigen fähig ſeien.“ Dieſe in die„zwote“ Klaſſe aufſteigenden Schüler, die nach dem neuen kurmainziſchen Lehrplan mindeſtens zwölf Jahr alt waren, ſollten u. A. über folgende Gegenſtände Auskunft geben. Religion: Opfer der heil. Meſſe, Saera⸗ ment der Buße und Beichte, vom würdigen Genuſſe des heil. Abendmahls, von den Abläſſen. — Bibliſche Geſchichte: Von Moſes bis David.— Deutſch: Orthographie, Formenlehre, Fremdwörter, Synonyma, Wortfügung, Sentenzen, Proſodiſches, Metriſches, Reime, Dichterſtellen. — Latein: Formenlehre, Kenntniß der Vocabeln zur Bezeichnung der Gegenſtände des orbis pietus
des Amos Comenius, Cornelius Nepos und Sprüche des Publilius Syrus.— Franzöſiſch: Declination und Conjugation, Lectüre der Moeurs des Israélites von Fleury.— Rechnen: Vier
Species, die verſchiedenen Gattungen der goldenen Regel, Löſung leichterer Aufgaben durch dieſe Regeln.
Das gedachte Programm kündigte(S. 13) für den Beginn des Mai 1774 die Eröffnung der„zwoten Klaſſe“ an und verzeichnete folgende Lehrgegenſtände dieſer Klaſſe. Chriſtkatho⸗ liſche Glaubenslehre und bibl. Geſchichte: ſtufenweiſe Weiterführung.— Deutſch: Regeln und Beiſpiele deutſcher Aufſätze, Briefe, Quittungen, Verſchreibungen, Verträge, Bitt⸗ ſchriften, Fabeln, Erzählungen, kleine redneriſche Vorübungen.— Latein: Lateinreden, Wort⸗ forſchung, Zierlichkeiten, Kernausdrücke und Gleichnißreden, tägliche Ueberſetzungen aus dem Latei⸗ niſchen ins Deutſche und umgekehrt.— Franzöſiſch: wie im Lateiniſchen.— Geographie: Unterrricht in den Ring⸗ und Erdkugeln, Erklärung der Landkarten aller Welttheile.— Natur⸗ lehre: dieſes„neue Fach“ wird mit folgender ruhmredneriſchen Empfehlung angeprieſen:„in der zwoten Klaſſe wird der Naturlehrer auftreten und mit der ſo angenehmen, als nützlichen Naturgeſchichte den Anfang machen. Der Vortheil, ſo aus der Naturwiſſenſchaft auf alle Stände


