Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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210 Emmerich Joſephs Vorſchriften für den Religions⸗ und Geſchichtsunterricht der Lateinſchulen.

wollte, bereitete ſich in der Trivialſchule ungefähr bis zum 12. Lebensjahre vor, hatte alſo nicht nöthig, dieſelbe ganz zu durchlaufen.

Nach den Anordnungen Emmerich Joſephs ſind Mittelſchulen oder lateiniſche Schulen die öffentlichen Anſtalten, in welchen die für die Wiſſenſchaften beſtimmten Knaben unterrichtet werden und die das Mittelglied zwiſchen den Real⸗ und den hohen Schulen oder Univerſitäten ſind. Wenn auch der von Emmerich Joſeph eingeführte amtliche Lehrplan in der Behandlung der Sprachen zu viel der naturaliſtiſchen Routine Vorſchub leiſtet, den griechiſchen Unterricht ſo ſehr beſchränkt, daß er am beſten ganz aus dem Plane beſeitigt wäre, und auch auf einigen anderen Punkten theils an Unvollſtändigkeit oder an Mangel an richtiger Technik, theils an Ueberſchwäng⸗ lichkeit leidet, ſo enthält er doch gar viele Gedanken, Grundſätze und Anweiſungen, die ihm in der Geſchichte der höheren Lehranſtalten unvergeßliches Lob ſichern. Es folgen hier einige Stellen dieſes Lehrplans.

Religion und Sittenlehre ſind die erſten und Hauptgegenſtände des Unterrichtes, ſowie ſie die Hauptſäulen aller Verfaſſung und der Grund des zeitlichen und ewigen Heils ſind. Un⸗ unterbrochen muß alſo die Bemühung und wohl gewählet muß die Lehrweiſe ſein, die Schüler der Mittelſchulen in dieſer Wiſſenſchaft ihres Heiles zu unterrichten. Gründlich und aufklärend ſollen aber die Belehrungen ſein, und nicht bloß ein Werk des Gedächtniſſes. Es iſt eine ganz unnütze, verlorene Arbeit, wenn man die Jugend martert, die Glaubenslehren, ſo wie ſie im Buche ſtehen, von Wort zu Wort, zumal noch gar in einer fremden Sprache herzuſagen. Das Herz bleibt hierbei leer und der Wille ohne verbeſſerte Neigung.Mit der Glaubenslehre müſſen die Aus⸗ übungen des katholiſchen Glaubens ſelbſt nothwendig vereiniget werden, tägliche Anhörung der heil. Meſſe, die Andacht der gewöhnlichen Litanie und der Vesper, katechetiſche Uebungen, Beichte und heil. Communion, die gewöhnlichen Sodalitäten, Gebete vor und nach jeder Schulzeit.(S. 1214.) Nichts hat mit einer Sittenlehre eine nähere Verbindung, als das Studium der Geſchichte über⸗ haupt dieſes Spiegels der Sitten. Ohne ſie würde jeder Unterricht todt, und auch die leb⸗ hafteſte Bemühung unfruchtbar ſein.(S. 16.)Der Lehrer wird bei dem Unterricht in der Geſchichte genauen Bedacht nehmen, daß von ihm nicht ſowohl das Künſtliche dieſer Wiſſenſchaft als das Praktiſche gelehrt werde. Es kommt gar nicht darauf an, die Namen aller Regenten nebſt der Chronologie, wie viele Jahre und Tage jeder regiert habe, herzuſagen, oder alle Feldzüge und Schlachten auf den Fingern herzuzählen. Dieſes heißt nicht die Geſchichte mit Nutzen ſtudiren, ſondern ſich mit der Schale beſchäftigen und den Kern verlieren.Man läßt die Schüler Schlüſſe aus den vorgetragenen Handlungen ziehen, ihre Meinungen ſagen. Hierdurch wird(welches unſtreitig in jeder Lehrart eine Hauptſache iſt, und etwas mehr, als gelehrt ſein heißt, weil es den klugen Mann ausmachet) das Vermögen ihrer Beurtheilung außerordentlich geſchärft und ihre Begierde zu wiſſen und zu erfahren, beſonders wenn ſie zuweilen das Wahre der Geſchichte in etwas errathen, immer mehr und mehr angefeuert.(S. 1921.) Für die Religionsgeſchichtevon der Geburt des Erlöſers bis auf unſere Zeiten fehlt es noch an einem guten Lehrbuche, welches die Geſchichte der chriſtlichen Kirche, die Beſchäftigungen der Concilien, die Anläſſe der Glaubens⸗ ſpaltungen und andere Merkwürdigkeiten in gründlicher, von Furcht, Eigennutz oder andern Leiden⸗ ſchaften entfernter Verfaſſung enthielte.(S. 23.)Bei der Behandlung der Geſchichte iſt die Kenntniß der Alterthümer ja nicht außer Augen zu ſetzen.(S. 26.) Naturgeſchichte und Naturlehre führen den Menſchen auf den unendlichen Schöpfer zurück und füllen die Seele mit Lebhaftigkeit der Anbetung und des tiefeſten Dankes. Sie beleuchten die Fortwanderung auf dem Pfade der nöthigſten Künſte und Wiſſenſchaften.Die Mathematik eine Viſſenſchaft, welche mit Philoſophie verbunden, ein unerſchöpfliches Licht auf alle Theile der menſchlichen Erkenntniß ausbreitet. Nicht