Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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196 Die Jeſuiten laſſen ſich die Magnuskirche vom Andreasſtift u. vom Biſchof Franz Ludwig cediren 1717.

Weine frei aus⸗ und einzulaſſen. Allein wie dies geſchehen, ergibt ſich daraus, daß der Rath gegen die ſoeben erwähnte Jeſuitiſche Proceßſchrift zunächſt eineRechtsbegründete Widerlegung Facti cujusdam Speciei ꝛc. in Sachen der P. P. Soc. Jesu in Wormbs contra den Magiſtrat des heil. Reichs freyen Stadt Wormbs in puncto einer nichtig praetendirten Rachtungsmäßigen Geiſtlichen Freiheit und Immunitaet erſcheinen ließ, die am 27. Juni 1718 an den Reichsagenten von Praun nach Wien geſchickt wurde.*)

Auch in den Streit um die St. Magnuskirche griffen die Jeſuiten im 18. Jahrhundert wiederum ein.

Nachdem dieſelben ſofort nach ihrer Rückkehr nach Worms mit dem Wormſer Domeapitel und der fürſtbiſchöflichen Regierung zu Worms über die Ceſſion der Magnuskirche an das Jeſuiten⸗ colleg verhandelt hatten(vgl. oben S. 192), informirte Dechant Schmidt im Jahre 1710 den Hofrath Dresler über die Frage der Reſtitution der Magnuskirche, und äußerte dabei den Gedanken, weil ein Geiſtlicher des Andreasſtifts, Marquard Kölblin, im Jahre 1624 in der Magnnuskirche die Meſſe geleſen, die er als Inhaber einer Pfründe der Magnuskirche zu leſen ſchuldig war, und weil damals Spanier und Ligiſten in der Pfalz dieHerren geſpielt, ſo müſſe mit Rückſicht auf dieſen Beſitzſtand(2) des Normaljahrs 1624 die Kirche reſtituirt werden. Der biſchöfliche Hofrath Dresler gibt ſein Votum dahin ab, daß das Stift nochmals proteſtiren ſolle. Als dann der Rath 1712 die durch die Franzoſen 1689 in Aſche gelegte Kirche wieder aufbauen laſſen wollte, ließen Dechant und Capitel des Stifts und die fürſtbiſchöflichen Räthe nicht uur durch einen Notar und Zeugen dagegen proteſtiren, ſondern auch vermittelſt bedeutſamer Ceremonien,durch Abſtoßen einiger Steine und Mitnehmen einigen Maurergeſchirrs, feierlich ankündigen, daß man von neuem den alten Proteſt und Proceß aufnehme. Der Magiſtrat beauftragt hierauf am 23. Sept. 1712 ſeinen Notarius, daß er unter Hinweis darauf, daß die Stadt die Kirche nach einer Stelle der Rachtung vom J. 1526(vgl. oben S. 48) ſchon in dieſem Jahre(alſo faſt zweihundert Jahre) factiſch beſeſſen, die rechtlich nothwendigen Gegenmaßregeln gegen das Vorgehen der Biſchöflichen Regierung er greife. Wiederum wurden lange Erklärungen und Gegenerklärungen geſchrieben.

Erſt vom Jahre 1717 an, als nämlich die Stadt Worms die abgebrannte Magnuskirche wieder aufgebaut und ausgeſtattet hatte, treten nach den Acten des Darmſtädter Archivs die Wormſer Jeſuiten offen mit dem Anſpruch auf die St. Magnuskirche hervor. Am 26. April 1717 cediren Dechant D. H. von Bielſtein und Capitel des Andreasſtifts die Kirche einſtimmigzu Beförderung der Ehr Gottes und mehrerer Aufnahme der katholiſchen Religion an das Collegium Soc. Jesu zu Worms. Dieſe Ceſſion wird hierauf dem Kurfürſten und Erzbiſchof Franz Ludwig zu Trier, der auch Biſchof von Breslau und Worms war, zur Genehmigung vorgelegt. Nachdem derſelbe von ſeiner fürſtbiſchöflichen Regierung zu Worms darüber Bericht gefordert und erhalten, beſtätigt er von Breslau aus die gedachte Ceſſion am 11. April 1718. Der Rath zu Worms dachte, Stift und Biſchof möchten immerhin auf dem Papier cediren, was ſie nicht beſäßen, wenn ſie nur nicht die Macht hätten, ſolcher Ceſſion Folge zu geben; und die Zeiten der Macht des Jeſuitismus gingen in dem aufgeklärten Jahrhundert raſch ihrem Ende entgegen.

Als 1735 auf dem Reichstag zu Regensburg ſogar das Corpus Evangelicum die Anſprüche der Stadt auf die Magnuskirche vertrat, wird von der Fürſtlich Wormſiſchen Regierung am 19. Jan. 1736 beſchloſſen, den Herrn P. P. Jesuitis an die Hand zu geben, den zur Zeit des polniſchen Erbfolgekriegs in Worms befehlenden franzöſiſchen Gouverneur General Comte de

*) Mehrere Exemplare dieſer Widerlegung befinden ſich im Wormſer Archiv, Pack IV. IV. 34. 12. 185. 93.