Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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Wiederaufbau des abgebrannten Jeſuitencollegs 17031704. 191

Wahl des Bauplatzes für ihr neues Collegium hegten. Ihr erſtes Bauproject, das ſie ſpäter auch wirklich ausführten, war ein Plan der Wiederherſtellung und der Erweiterung des abgebrannten Collegiums auf deſſen früherem Boden.*) Im April 1704 theilen die Jeſuiten dem Stadtrath mit, daß ſie unlängſt ihr ruinirtes Collegium wieder zu erbauen angefangen und mit dem Bau ſoweit gekommen ſeien, daß ſie auch auf die Reparatur des ihnen gehörenden Gebäudes bedacht ſeien, welches, dem Collegium gegenüber, an die zwiſchen dem Andreasthor und dem Luginsland⸗ thurm gelegene Stadtmauer angelehnt geweſen war. Zugleich baten ſie um die Erlaubniß, dieſen Bau mit dem Collegium durch einen Ueberbau über die Luginslandgaſſe verbinden zu dürfen. Der Rath ſchlug dies ab.(Wormſ. Archiv. IV. IV. 34. 12. 189. Act. 8.) Im Jahr 1707 ver⸗ maßen ſich dann die Jeſuiten, ohne Genehmigung und unter dem Proteſte des Raths, ihrem wieder aufgebauten Collegium gegenüber, auf die Stadtmauer zwiſchen dem Andreasthor und den zerſtörten Luginslandthurm, den projectirten Schulbau aufzurichten, indem ſie demſelben eine andre Geſtalt gaben, als dem früheren Bau, und die Balken auf die Stadtmauer legten, ohne dazu ein Recht zu

*) Es dürfen hier einige aus den Acten und den Plänen der Stadt entnommenen Notizen über die Lage des im Jahre 1689 verbrannten und über den Ort des ſeit 1703 wiederaufgebauten Collegiums nicht fehlen, weil von dieſen Gebäuden gegenwärtig jede Spur verſchwunden iſt. Es iſt gewiß, daß das ſeit 1703 in der nordöſtlichen Ecke zwiſchen der Seminariumsgaſſe und der Luginslandgaſſe erbaute Jeſuitencollegium, in dem 1773 das noch im Jahre 1803 vorhandene fürſtbiſchöfliche Schulſeminarium angelegt wurde, auf dem⸗ ſelben Boden erbaut wurde, wo vor dem Brande das ſeit 1613 in ſeinen erſten Anfängen entſtandene und ſpäter durch Anbauten erweiterte alte Jeſuitencollegium geſtanden hatte. Vermittelſt des Grundriſſes des Seminariums, der in einem zur Zeit der Franzoſenherrſchaft aufgenommenen Plane der Stadt Worms ſich befindet, und mit Hülfe der von Peter Hamman im Jahre 1690 mit großer Genauigkeit gezeichneten Pläne und Bilder ſowohl der zerſtörten, als der früheren Stadt, iſt es nun möglich, Oertlichkeit und Grundriſſe des abgebrannten und des wiederaufgebauten Jeſuitencollegiums ziemlich genau zu beſtimmen und damit die An⸗ gaben der Acten in Zuſammenhang zu bringen. Zunächſt muß beachtet werden, daß im 17. und 18. Jahr⸗ hundert jene Straße, die in der Gegend der heutigen Seminariumsgaſſe den Fruchtmarkt mit der Luginsland⸗ gaſſe verband, nicht, wie heute, ziemlich gerade war, ſondern ungefähr in der Mitte ihrer Länge zuerſt gegen Süden in der Breite eines Hauſes ein Knie bildete und dann in der urſprünglichen Richtung in die Luginslandgaſſe einmündete, ſo daß auf demjenigen Theile der heutigen Seminariumsgaſſe, der in die Luginsland⸗ gaſſe einmündet, und auf der Grundfläche des Hauſes, das heute in der ſüdöſtlichen Ecke zwiſchen der Luginslandgaſſe und der Seminariumsgaſſe ſteht, ſowohl das abgebrannte, als das ſeit 1703 aufgebaute Collegium ſtanden. Aber die beiden Collegia hatten doch verſchiedene Grundriſſe. Der Grundriß des Jahres 1703 hatte eine haken⸗ förmige Geſtalt, wurde nach Süden von der Seminariumsgaſſe, nach Weſten von der Luginslandgaſſe begrenzt; auf demſelben ſtanden alſo zwei rechtwinkelig aneinanderſtoßende Flügel. Der ſüdliche Flügel, der eine Richtung von Weſten nach Oſten hatte, ſtand, entſprechend der oben angedeuteten älteren Anlage der Seminariumsgaſſe, ſüdlich von der heutigen Einmündung der Seminariumsgaſſe in die Luginslandgaſſe, wo heute das ſüdöſtliche Eckhaus nebſt Hof ſich befindet, in derſelben Flucht mit dem Nordweſtflügel der heutigen höheren Mädchenſchule. Der nördliche Flügel lief von der damaligen Ecke zwiſchen Seminariums⸗ und Luginslandgaſſe, parallel der zuletztgenannten, in der Richtung gegen das Andreasthor. Hinter den gedachten beiden Flügeln lag der Hof und Garten, die ſich in nordöſtlicher Richtung von dem Collegium gegen die Domſtiftshäuſer ausdehnten. In den Zeichnungen, die Peter Hammann 1690 von der Stadt Worms entwarf, begegnet man an der Stelle des beſprochenen zweiflügeligen Baus einem auf hufeiſenförmigem Grundriß ſtehenden Complex von drei Häuſern. Die zwei Häuſer, die die Enden des Hufeiſens bilden, ſtoßen auf die Luginslandgaſſe, ſind hier durch eine Mauer nach der Straße zu verbunden, durch die Mauer führte die Eingangsthüre. Dieſer Mauer und Thüre gegenüber verbindet auf der Oſtſeite ein Bau die beiden Flügel des Hufeiſens. Die drei Gebäude und die gegen die Luginslandgaſſe hin aufgeführte Mauer ſchließen einen kleinen viereckigen Hof ein. Es iſt nicht unmöglich, daß die beiden auf den Enden des hufeiſenförmigen Grundriſſes ſtehenden Häuſer die in der Dotation vom 22. April 1613 geſchenkten Häuſer ſind und daß der Mittelbau im Jahre 1612(ſ. oben S. 133) erbaut wurde.