Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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166 Die St. Magnuskirche von den Jeſuiten begehrt, 1629: Rückblick auf die Geſchichte der Kirche ſeit 1521.

Die Jeſuiten blieben hierauf, erzählen Heimes und Fichtl, im Genuſſe der Freiheiten, die ſie unter dem Drucke der kurmainziſchen Commiſſion erlangt, einige Jahre ruhig,bis die ſchwediſche Macht in Deutſchland Meiſter geworden und den Proteſtanten aller Orten Hülfe verſprochen.Da fing Magiſtratus wiederum an, die Jeſuiten zu beeinträchtigen. Was die Wormſer Jeſuiten unterruhigem Genuſſe ihrer Freiheiten verſtanden, geht aus der Art hervor, wie die Väter mit kaiſerlicher Hülfe in Worms immer weiter um ſich zu greifen, ihren weltlichen Beſitz trotz des Gelübdes der Armuth zu vermehren ſuchten. Im Umkreis der Magnuskirche ſuchten ſie ſich feſt⸗ zuſetzen. Zunächſt bemühten ſie ſich eifrig, die Magnuskirche ſelbſt ſich anzueignen; ferner er⸗ ſtrebten ſie den Beſitz des großen Otterberger Hofs, der nördlich von dieſer Kirche faſt an der Stelle der heutigen Domdechanei⸗Kaſerne lag; auch öſtlich von der Magnuskirche, auf dem ſog. Glaskopf, griffen ſie in gleicher Weiſe um ſich.

Schon im Jahre 1629 erbaten ſie ſich vom Kaiſer Ferdinand II. die St. Magnuskirche zu Worms. Dieſelbe Forderung wurde von den Jeſuiten erhoben, als ſie nach dem Stadtbrand des. Jahres 1689 im Jahre 1703 nach Worms zurückgekehrt waren. An dieſen beiden Zeitpunkten der Geſchichte der Wormſer Jeſuiten mögen einige Nachrichten über die Magnuskirche eingeſchoben werden. Die Erzählung des um die Magnuskirche geführten Streits erregt das geſchichtliche Intereſſe weniger durch den nächſten Gegenſtand dieſes Kampfs, als durch die einzelnen Züge des Bildes der ſtädtiſchen Geſchichte, aus denen ſich klar ergibt, mit welchem Muthe und welchem Geſchick unſre Frei⸗ und Reichsſtadt mit einer nicht leicht zu überwindenden Zähigkeit, auch in ſchwieriger Lage, ihre Ziele verfolgte.*) Zunächſt folgen einige Notizen, die zugleich zur Ergänzung der oben (S. 33 61) mitgetheilten Nachrichten über die Wormſer Kirchenneuerungen dienen. In einem Schreiben des Andreasſtifts an den Biſchof zu Worms Dieterich II. von Bettendorff vom 18. Aug. 1566 wird ausgeſagt, gleich nach dem Reichstag, den Kaiſer Karl V. 1521 in Worms gehalten, ſei das Stift von dem Rath der Magnuskirche entſetzt. worden, alles dazu Gehörige ſei dem Stift entzogen und vorenthalten worden.(Auch hieraus⸗ erhellt, daß der Rath zu Worms im Jahre 1521 die Kirchenreformation Luthers angenommen.) Vom Jahre 1525 an, als der Bauern⸗Aufruhr gedämpft und die St. Magnuskirche den. durch den Rath beſtellten unberechtigten Inhabern derſelben verſchloſſen worden, ſeien in dieſer Pfarrkirche keine Prediger der lutheriſchen oder Augsburgiſchen Confeſſion mehr vor⸗ und eingeſtellt⸗ worden. Im Jahre 1526 wurden Gravamina Ecclesiae parochialis Sancti Magni eingereicht.

Es iſt oben(S. 60) in der Geſchichte der Wormſer Kirchenreformation erzählt, daß nach⸗ der Annahme des Augsburger Interims am 8. Oct. 1548 Geſandte des Wormſer Raths an den Biſchof Heinrich IV. mit der Bitte um geeignete Beſetzung der Wormſer Pfarreien abgeſchickt wurden. Während damals in der gedrückten Lage der Stadt Worms der Franziskaner Heinrich Stolleiſen das Gebäude des lutheriſchen Gymnaſiums an ſeinen Orden reſtituirt haben wollte⸗ (vgl. oben S. 69), beanſpruchte auch das Andreasſtift die Reſtitution der Magnuskirche. Nach, Ausſage einiger im Jahre 1548 geſchriebenen Schriftſtücke, die zu den im Darmſtädter Archiv befindlichen Acten des Proceſſes gehören, den das Andreasſtift gegen den Rath zu Worms im Jahre 1566

*) Die hier und weiter unten gegebenen Mittheilungen über die Magnuskirche ſind, abgeſehen von der hier folgenden Notiz der im Wormſer Archiv befindlichen Chronik aus dem Jahre 1613, dem im Darmſtädter Staatsarchiv befindlichen Actenfascikel, betr.: die St. Magnuskirche zu Worms 15481755, entnommen. Dieſer Fascikel enthält Actenſtücke, die in Folge der Bemühungen der Wormſer Jeſuiten, die Magnuskirche ſich⸗ anzueignen, zuſammen kamen. Offenbar kann das Vorgehen der Jeſuiten ohne Kenntniß der Voracten und⸗ der vorausgehenden Ereigniſſe nicht richtig beurtheilt werden.