Der Geiſt des Jeſuitismus. 147
einzelnen Menſchen und der ſelbſtändigen guten Entwickelung jedes Volkes bereitet. Ein nicht unbedeutender Vertheidiger der Jeſuiten, F. J. Buß ſchreibt: Der„Gehorſam iſt die Seele der Satzungen der Geſellſchaft Jeſu, welcher im Widerſtreit mit dem natürlichen, niedern Menſchen durch ſeinen Segen in dem Orden das natürlichſte Gemeinweſen chriſtlicher Geiſter errichtet“. Kein größeres Denkmal dieſer Tugend beſteht nach Buß, als das von ihm überſetzte Schreiben des Ignaz von Loyola an die Jeſuiten in Portugal aus dem März 1553, worin es heißt:„Wer ſich durchaus ganz Gott opfern will, der muß außer dem Willen auch die Einſicht darbringen, daß er nicht nur dasſelbe wolle, ſondern auch dasſelbe denke, wie der Obere, und deſſen Urtheil das ſeine unterwerfe, ſoweit der ergebene Wille die Intelligenz beugen kann.“—„Ueber⸗ dieß ſchlage ich Euch dreierlei namentlich vor, was zur Erlangung des Gehorſams des Urtheils viel mithilft.“„Das Erſte iſt, daß Ihr in der Perſon des Oberen keinen Menſchen erblickt, welcher Irrthümern und Armſeligkeiten unterworfen iſt, ſondern Chriſtus ſelbſt, welcher die höchſte Weisheit, die unermeßliche Güte, die unendliche Liebe iſt, welcher weder betrogen werden kann, noch ſelbſt Euch betrügen will. Empfanget daher die Stimme und die Gebote der Oberen nicht anders, denn als die Stimme Chriſti.“—„Eine andre Weiſe iſt, daß, was der Obere gebietet oder meint, Ihr jederzeit vor Eueren Seelen zu vertheidigen Euch eifrig bemühet.“„Die letzte Weiſe, das Urtheil zu unterwerfen, iſt, daß Ihr bei Euch ſelbſt annehmt, das, was immer der Obere gebiete, ſei das Gebot und der Wille Gottes ſelbſt, und daß Ihr, um das zu glauben, was der katholiſche Glaube vorſtellt, aus Eurer ganzen Seele und Zuſtimmung ſofort Euch bemüht. So ſollt ihr, um das zu thun, was immer der Obere ſagen wird, von einem gewiſſen blinden Drang des zum Gehorſam begierigen Willens durchaus ohne jede Unterſuchung Euch beſtimmen laſſen.“„Und das, was wir vom Gehorſam geſagt, haben gleicherweiſe die Privaten gegen die nächſten Oberen, und die Rectoren und örtlichen Vorſtände gegen die Provincialen, die Provincialen gegen den General, endlich der General gegen Jenen, welchen Gott ihm vorgeſetzt, nämlich ſeinen Statthalter auf Erden, zu beobachten.“*) Im Gegenſatz zu dieſer Erniedrigung bewährt der Menſch, der in der Stille ſeines eigenen Herzens Gott demüthig ſuchet und findet, dem alleinigen Gotte die nur ihm gebührende gänzliche und unbedingte Hingabe des ganzen Weſens, da Gott ſelbſt ſein Reich als alleiniger, wahrer Oberhirte in den Geiſtern zu erbauen und zu leiten vermag, und zum endlichen Sieg über alles Weltliche und Sündige, auch über jegliche Verweltlichung des Religiöſen und Kirchlichen führen wird.
b. Vermuthungen über die inneren Einrichtungen des Jeſuitencollegs zu Worms.
Der Unterricht und die Erziehung des Jeſuitencollegs zu Worms iſt uns zwar im Einzelnen nicht bekannt; weil aber für die Einrichtungen der Jeſuitiſchen Lehranſtalten geradezu faſt ſtereotype Regeln beſtanden, ſo iſt es möglich, ſogar nach den wenigen Notizen, die über die Einrichtung des Wormſer Collegs überliefert ſind, mit Sicherheit einige Schlüſſe zu ziehen und Vermuthungen zu wagen.
Die Stiftungsurkunde des Wormſer Jeſuitencollegs vom 22. April 1613(ſ. oben S. 137) enthält die folgenden organiſatoriſchen Beſtimmungen:„Erit Patrum societatis in tribus grammaticae scholis docere juxta instituti sui rationem.“„Gratiose et amanter petimus, si auctis per Nos vel alios collegii reditibus Humanitatis, Rhetoricae et de
*) F. J. Buß, die Geſellſchaft Jeſu ꝛc., Mainz 1853, S. 357—369. 19*


