Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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130 3 Das ſcheinbare Heilswerk des Jeſuitismus.

vollkommen klar darüber, wie dieſelben von der Bürgerſchaft der Frei⸗ und Reichsſtadt Worms würden empfangen werden. Erwartete doch der Biſchof nach der Stiftungsurkunde von den Jeſuiten nicht nur die Ausbildung der katholiſchen Jugend zu Worms, ſondern auch dies, daß die Bürgerſchaft, durch Wort und Beiſpiel zu aller Ehrbarkeit und Tugend herangebildet, das Licht des wahren Glaubens und ewigen Glückes ſchaue.*) Allein Rath und Bürger⸗ ſchaft zu Worms waren vor Gott und ihrem Geviſſen berechtigt, den Orden zurückzuweiſen, der zwar allezeit das ewige Glück der Menſchen im Munde führte, aber empfindungslos die Völker Europas in die furchtbarſten Religionskriege hineintrieb, und, wenn er auch in manchem Collegium die innerſten Lebensquellen einer echten, tiefen, frommen, geiſtig freien menſchlichen Perſönlichkeit niemals erſchloß, weil alle ſtarren Regeln des Unterrichts und der Disciplin der Jeſuitencollegien nur darauf abzielten, die Pfleglinge des Ordens zu gleichartig geſchulten, gewandten, willenloſen Wertzeugen in der Hand ſeiner allmächtigen Oberen zu machen.

Die Jeſuiten wollen ohne Zweifel nicht nur die durch die Reformation gefährdete Macht der päpſtlichen Kirche durch die Zurichtung der Jugend für die Zwecke Roms und der Geſellſchaft Jeſu fördern, ſondern die römiſche Kirche zur Alleinherrſchaft und zum durchſchlagenden Siege über jede Form des Proteſtantismus führen. Deshalb mußte von ihnen jeder tief wurzelnde Trieb der wahren Selbſtändigkeit der Perſönlichkeit und freier Bewegung des geiſtigen Lebens in den ein⸗ zelnen Perſonen, in der Kirche und im Leben der Völker unterdrückt oder den Zwecken der Geſell⸗ ſchaft Jeſu dienſtbar gemacht werden. Aber nicht nur gegen den Proteſtantismus und die frei forſchende Wiſſenſchaft iſt der Jeſuitismus gerichtet, ſondern ſogar gegen die berechtigte Selbſtändig⸗ keit der katholiſchen Biſchöfe und ihrer Kapitel, wie auch gegen die Beſtrebungen katholiſcher Nationalkirchen. Mehr im Gehorſam gegen ihren Ordensgeneral, als gegen den römiſchen Pontifex, durchziehen ſie die Länder der Erde, um die Menſchheit ihrem Syſtem zu unterwerfen.

Zwar lauten viele Grundſätze der Jeſuitiſchen Erziehung ſo vortrefflich, und manche Gewohn⸗ heiten derſelben erſcheinen ſo praktiſch und wohlwollend, daß jedermann dieſelben loben und an⸗ nehmen könnte, wenn ſie nicht die gewinnenden Mittel für die gefährlichen Zwecke des Ordens wären. Nach dem Wortlaut der Conſtitutionen des Ordens iſt deſſen Thun nur ein ſelbſtloſes Liebeswerk zum Segen der Menſchenſeelen und zur Pflege des äußeren Wohls der Menſchheit: vad profectum animarum in vita et doctrina Christiana intendit Societas(Litt. Apost. Paul's III. vom 14. März 1543).Ut Scholastici plurimum in his facultatibus proficiant, in primis animae puritatem custodire ac rectam studiorum intentionem habere conentur, nihil aliud in litteris quam divinam gloriam et animarum fructum quaerentes, et in suis orationibus gratiam, ut in doctrina proficiant ad hunc finem, crebro petant. Praeterea serio et constanter animum studiis applicare deliberent, sibique persuadeant, nihil gratius se Deo facturos in Collegiis, quam si cum ea intentione, de qua dictum est, studiis se diligenter impendant. Et licet nunquam ad exercenda ea, quae didicerunt, perveniant, illum tamen studendi laborem, ex obedientia et charitate(ut par est) susceptum, opus esse magni meriti in conspectu Divinae- ac Summae Majestatis apud se statuant.(Const. pars IV., c. 6. 1. 2.)

Die Geſchichte des geſammten Jeſuitenordens, der von demſelben beherrſchten Völker und Staatsmänner, ja ſogar die Geſchichte eines einzelnen Jeſuiten⸗Collegs beweiſt nun freilich, wie

*) Vgl. unten S. 136:ut juventus nostra bonis artibus exculta, civitas verbo et exemplo ad omnem honestatem informata verae fidei et aeternae felicitatis lucem aliquando aspiciat. 3