Der deutſche Proteſtantismus in der Defenſive gegen den Jeſuitismus ſeit 1603. 129
des 17. Jahrhunderts viele proteſtantiſche Stände Deutſchlands die drohenden Kriegsgefahren ahnten. Schon im Febr. 1603 ſchließen die evangeliſchen Fürſten Moriz von Heſſen, der Kurfürſt von der Pfalz, der Pfalzgraf von Zweibrücken, die Markgrafen von Baden und Brandenburg ein defenſives Bündniß„nicht zu Widerſetzlichkeit gegen das Oberhaupt des Reichs, ſondern zur Vertheidigung gegen Gewalt, beſonders von Seiten papiſtiſcher Stände.“ Dieſes Bündniß iſt der Vorläufer der im Jahre 1608 geſtifteten Union proteſtantiſcher Fürſten, der auch etliche Reichsſtädte, zunächſt Straßburg, Ulm und Nürnberg, ſpäter auch Worms beitraten. In dieſem Ernſt der Lage ſuchte ſich die Stadt Worms natürlich die Vorkämpfer der römiſchen Reſtauration, die Jeſuiten, fern zu halten. Ein Jeſuitencollegium war zwar zunächſt eine Pflanzſtätte für die Vergrößerung der Geſellſchaft Jeſu ſelbſt(Societatis nostrae velut Seminarium quoddam, ſagt Papſt Julius III. im Jahre 1550). Seine Schüler ſollten ſo beſchaffen ſein, daß„man mit Recht hoffe, daß ſie nach Abſolvirung ihrer Studien geeignet ſeien zum Eintritt oder Anſchluß an den Orden und zu den Verrichtungen der Geſellſchaft.“ Außerdem ſollten aber„Jünglinge durch die Gelegenheit angelockt, in der rechten Lebensweiſe ausgebildet und durch den Schatz der Weisheit bereichert werden, zugleich in Wiſſenſchaften und guten Werken zunehmen“, und es iſt nicht in Abrede zu ſtellen, daß manches Jeſuitencolleg gewiſſe Vorzüge des Unterrichts ſich aneignete, die den ſeit der Wiedergeburt der antiken Wiſſenſchaften und der kirchlichen Reformation in Deutſchland gegründeten höheren Schulen eigen waren, ſo daß ſogar Johannes Sturm erklärte, daß er in der Lehrweiſe der Jeſuiten ihm eigene Grundſätze vorfinde. Allein eine Stadt, innerhalb deren Mauern ein Jeſuiten⸗Collegium errichtet ward, durfte in demſelben keine harmloſe Lehrthätigkeit erwarten, ſondern mußte fürchten, daß dasſelbe im Beichtſtuhl, auf der Kanzel, vom Katheder und in zahlreichen Congregationen unfreundliche und gefährliche Bewegungen gegen alle Andersgläubigen anzetteln werde. Der Magiſtrat der Freiſtadt Worms hatte insbeſondere in den Jahren der Vorbereitung des drohenden Religionskrieges von den Jeſuiten zu fürchten, daß, wie die Reformation die Bürgerſchaft im Kampfe gegen das Bisthum Worms befeſtigt hatte, ſo die Reſtaurationsverſuche der Jeſuiten die Einwohner der Stadt unter einander verfeinden, dadurch die Kraft der Bürgerſchaft ſchwächen und dem Biſchof zu Worms Beiſtand leiſten würden, damit derſelbe verlorene Machtvollkommenheiten zurückzuerobern und ſogar durch Proſelytenmacherei die verhaßte Ketzerei, wenn auch nicht zu beſeitigen, doch jedenfalls zu bekämpfen und zu hemmen vermöge. Und von dieſer Thätigkeit zeugt z. B. die Notiz eines alten Wormſer Rathsprotocolls vom 17. Nov. 1673:„Ein Gymnasiasta — des ſtädtiſchen lutheriſchen Gymnaſiums— wirdt von den Jeſuitern zur römiſchen Religion verleitet“.*)
Die eigenthümlichen Abſichten, die bei der Einführung der Jeſuiten in die Stadt Worms obwalteten, erhellen ſchon aus der Stiftungsurkunde des Wormſer Jeſuitencollegs. Denn der Biſchof zu Worms Wilhelm von Effern ſichert in derſelben der Geſellſchaft Jeſu und deren General Claudius Aquaviva von vornherein zu, daß er für den Fall, daß die Jeſuiten aus Worms vertrieben würden, mit allen Kräften deren Wiederein⸗ ſetzung betreiben und dieſelben wieder in den Genuß der ihnen ver⸗ liehenen Fundationſetzen werde.**) Der Biſchof war ſich alſo mit den Jeſuiten
*) Arch. Worm. extract. prot. ant. tom. I. p. 1462. *) Vgl. unten S. 137:„ut, si societas JESu casu aliquo Wormatia pellatur, deinde vero in
statum pristinum restituatur(quam restitutionem omnibus viribus et modis procurabimus) fundatio haec robur suum
nihilo minus sit retentura.“ 17


