128 Verbreitung der Jeſuiten in Deutſchland in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
lichen Nachweis der damaligen Ausdehnung, Feſtigkeit und Schönheit der Stadt. Das Bild⸗ (64 em l., 26 em h.) verdient, mit Beſeitigung der Fehler gegen die Regeln der Perſpective er⸗ neut und verbreitet zu werden.
Dieſe blühende und angeſehene Stadt wagte der Jeſuitenorden erſt zu betreten, nach⸗ dem er bereits rings um dieſelbe ſeine Stationen errichtet hatte, und als ſchon die nahenden Stürme des dreißigjährigen Kriegs in deutlichen Vorzeichen ſich ankündigten und das Gelingen des feind⸗ lichen Vorgehens gegen die proteſtantiſche Stadt in Ausſicht ſtellten.
Die Jeſuiten zogen im Jahre 1606 in Worms nicht mit der offenen Erklärung ein, daß ſie zu dauerndem Aufenthalte in die Stadt gekommen ſeien, ſondern vorſichtiger und ſchlauer drängten ſie ſich in die Frei⸗ und Reichsſtadt ein. Worms war damals bereits von den Jeſuiten⸗ ſtationen in Mainz, Aſchaffenburg und Speier umgeben.*) Von der Speierer Station aus wurde der Vorſtoß des Ordens gegen Worms ausgeführt, von hier ſchob derſelbe einen neuen Vorbau ſeiner Angriffswerke gegen den Proteſtantismus und damit zugleich gegen die Freiheiten und Rechte der Stadt Worms vor. Als die Jeſuiten aus Speier nach Worms kamen, konnte es vielleicht ſcheinen, als ob ſie nur zu vorübergehendem Aufenthalte gekommen ſeien, um zu predigen, Beichte zu hören und die Jugend zu unterweiſen. Allein bald war zu erkennen, daß ihre vorläufige Miſſionsthätigkeit auch in Worms nur den Boden für eine dauernde Niederlaſſung des Ordens bereitete.
Während viele Städte Deutſchlands den Jeſuitenorden aufnahmen, ohne die Gefahr zu erkennen oder zu berückſichtigen, welche in Folge ihres Bekehrungseifers der geiſtigen und der religiöſen Entwickelung, dem kirchlichen und politiſchen Frieden und der nationalen Unabhängigkeit des deutſchen Volks drohten, und dann zu ſpät wahrnahmen, wie der Jeſuitismus für Jahrhunderte die natürliche Entwickelung des geiſtigen, ſittlichen und bürgerlichen Lebens vieler Städte und ganzer Staaten untergraben oder vernichten ſollte: erkannte dagegen der Magiſtrat der Stadt Worms in jenen Jahren, in welchen die erfolgreiche Thätigkeit des Jeſuitismus den dreißigjährigen Krieg herbeiführte, von vornherein klar und beſtimmt, was die Niederlaſſung der Jeſuiten in Worms zu bedeuten habe, und ſetzte derſelben allen Widerſtand entgegen, der ihm möglich war. Hatte ſich doch damals in Deutſchland der Gegenſatz zwiſchen dem proteſtantiſchen Bewußtſein und den römiſchen und jeſuitiſchen Reſtaurationsbeſtrebungen, die auf nichts geringeres, als auf die Ver⸗ nichtung des ganzen Reformationswerks, hinausliefen, ſo ſehr zugeſpitzt, daß ſchon vor dem Beginn
*) Damals war Deutſchland bereits von einem Netze von Jeſuitenſtationen überzogen. Da die Jeſuiten, wo immer ſie ſich einniſten konnten, die Gelegenheit nicht vorübergehen ließen, ſo iſt der verhältnißmäßig ſpäte Einzug der Jeſuiten in Worms für die Stadt Worms ein ehrenvolles Zeugniß ihrer freieren Geiſtesrichtung. und ihrer Wachſamkeit. Es iſt deshalb von Intereſſe, einen Theil der Jeſuitenſtationen Deutſchlands zu nennen, innerhalb deren und neben welchen die Stadt Worms bis 1606 von der Jeſuitiſchen Propaganda frei blieb. Es werden hier Namen von Städten oder Landſchaften verzeichnet, in denen ſich der Jeſuitenorden feſt⸗ ſetzte, und daneben die Jahrszahlen der Gründung dieſer Niederlaſſungen: Ingolſtadt(1549), Wien(1551), München(1559), Dillingen(1563), Augsburg(Miſſion ſeit 1559, Gründung des Jeſuiten⸗Gymnaſiums 1582), Würzburg(1564), Hochſtift Bamberg(zwiſchen 1561 und 1577), Regensburg(Gymnaſium ſeit 1589), Landsberg. (1578), Altötting(1592), Prag(1556), Olmütz(1566), Neuhaus, Glatz, Krumau(1588), Komotau(1592), Olmütz (1569), Brünn(1581), Glatz(1597), Poſen(1573), Braunsberg(1569), Innsbruck(1562), Hall(1573), Grätz (1573), Luzern(1574— 1577), Bruntrut(1588), Ellwangen(1585), Köln(Miſſion ſeit 1542, Jeſuiten⸗Gymnaſium 1557), Neuß(1586), Bonn(1586), Emmerich(1592), Trier(1560), Coblenz(1560), St. Goar(?), Luxem⸗ burg(1595), Paderborn(1580), Münſter(1588), Coesfeld(2), Meppen(?), Mainz(1561), Heiligenſtadt(1575), Fulda(1573), Speier(1581), Hildesheim(1590). Die Straßen Deutſchlands, auf denen die Jeſuiten unge⸗ hindert ihren Einzug hielten, zeigen noch nach Jahrhunderten deren Spuren.


