Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
Einzelbild herunterladen
  

Unvollſtändigkeit der Nachrichten über das luth. Gymnaſium zu Worms im 17. Jahrhundert. 119

als auf eine Anzahl von Namen der Viſitatoren, Rectoren, Conrectoren und andrer Lehrer, die wir in den Protokollbüchern der lutheriſchen Kirchengemeinde zu Worms entdeckten. Da den Namen der gedachten Lehrer in den Kirchenprotocollen ſtets der jeweilige Titel nebſt der Bezeichnung der Gymnaſialklaſſe, deren Lehrer ſie gerade waren, beigefügt iſt, ſo läßt ſich aus der Nebeneinander⸗ ſtellung der gleichzeitig vorhandenen Lehrer wenigſtens der Umfang der Organiſation und des Klaſſenſyſtems des Gymnaſiums für gewiſſe Jahre ermitteln.

Da es nun möglich war, für die vorliegende Arbeit nicht wenige Nachrichten aufzufinden, die vorher unbekannt, ungeprüft oder unbearbeitet waren, ſo darf die Hoffnung nicht aufgegeben werden, daß vielleicht weiteres Material für die Wormſer Schulgeſchichte des 16. und 17. Jahrhunderts in den vielen Actenpäcken des Wormſer Archivs gefunden wird, die zum Theil ſchon gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts geordnet, nun faſt ein Jahrhundert lang, ohne recht benutzt worden zu ſein, im ſicheren Gewölbe des reichsſtädtiſchen Archivs unſeres Bürgerhofs geſtanden. Es iſt zu vermuthen, daß unter Acten des vorigen Jahrhunderts noch manche für uns intereſſante Papiere des 16. u. 17. Jahrhunderts oder Copien derſelben als Voracten aufgehoben oder verſchoben ſind. Allein es iſt zu zeitraubend, für eine ſpecielle Arbeit große Actenmaſſen zu durchſuchen. Eine plan⸗ mäßige Durchforſchung und Sichtung der Acten unſres Archivs würde für die Geſchichte der Stadt Worms vom 16.18. Jahrhundert gewiß intereſſantes Material an's Tageslicht bringen.

Auf die Kraft und Blüte, welche der Stadt Worms ſogar während des dreißigjährigen Kriegs noch eigen war, kann man ſchließen, wenn man ſich vergegenwärtigt, daß ſie ein Gymnaſium mit einem Umfang von fünf zweijährigen Klaſſen während dieſes Krieges aufrecht erhalten konnte, in dem ſie, von anderen Opfern und Verluſten verheerender Kriegszeiten abgeſehen, nach den Be⸗ rechnungen der Stadt, die von derſelben dem Reichstag in Regensburg vorgelegt worden ſein ſollen, an Kriegskoſten eine Summe von 2 ¼ Millionen Gulden gezahlt haben ſoll.

Nach den Taufprotokollen der lutheriſchen Kirchengemeinde zu Worms beſaß die Anſtalt bereits im Jahre 1628 wieder fünf Klaſſen; denn als Lehrer der fünften Klaſſe wird in zwei Protokollen vom 9. Nov. 1628 und 24. Dez. 1632 Bernhard Ludwig Hertrich ge⸗ nannt. Im Jahre 1682 iſt Johann Balthaſar Schüler Lehrer der fünften Klaſſe. Es ſcheint deshalb wahrſcheinlich, daß der Magiſtrat in dem Jahrhundert, in welchem er dem Vorgehen der Jeſuiten in Worms wirkſam entgegen treten mußte, ſeinem Gymnaſium, das damals mitunter auch den Namen Schola senatoria führte, die guten Einrichtungen wirklich gegeben habe, von denen die Rathsherrn, Scholarchen, Viſitatoren, Rectoren und Präceptoren des 18. Jahr⸗ hunderts in den noch vorhandenen Scholarchatsacten öfters rühmend ſprechen. Der Werth der damaligen Anſtalt und ſelbſt ihres Gebäudes dürfte aus dem Eifer zu erkennen ſein, mit dem die Barfüßer und andere proteſtantenfeindliche Orden, wie oben(S. 109118) erwieſen wurde, das Gym⸗ naſialgebäude ſich anzueignen ſuchten.

Fragt man nach beſonderen Gründen ſolcher Blüte des reichsſtädtiſchen Gymnaſiums während des 17. Jahrhunderts, ſo muß berückſichtigt werden, daß das kurpfälziſche Gymnaſium zu Neu⸗ hauſen, welches das evangeliſche Gymnaſium zu Worms in der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗ hunderts gewiß beeinträchtigte, bald nach dem von demſelben im Jahr 1615 gefeierten fünfzig⸗ jährigen Jubiläum eingegangen war(ſ. oben S. 104.); und viele Reformirte werden im Zeitalter der Religionskriege weniger Bedenken getragen haben, die lutheriſche Schule zu Worms zu be⸗ ſuchen, da die Noth aller Evangeliſchen doch häufig den inneren confeſſionellen Hader der Proteſtanten zum Schweigen brachte. Wie ſpäter erzählt wird, hatte die lutheriſche Stadt Worms an dem reformirten Kurfürſten von der Pfalz Friedrich III. bereits im 16. Jahrhundert öfters ihren beſten Beſchützer.