Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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Veranſtaltungen für den Wieſengang. 107

Beſchreibung wie er begangen wird.

Unter andern Urſachen wird gemeiniglich ein Wieſengang beſchloſen, daß mann nach einem erhaltenen Frieden oder unter dem langen Genuß deſelben der Burgerſchaft eine allgemeine Ergötz⸗ lichkeit zu machen ſucht, welche ſich in dem innigen Vergnügen ihrer Kinder daran ſelbſten erfreuen, wobei dieſe beſondere Abſicht mit versirt, daß Ein Hhdlr Magistrat gleichſam wie ein lustrum oder revue über die Jugend anſtellt, deren Vermehrung oder Verringerung in der Anzahl über⸗ ſiehet; auch bei der, ihnen dieſen Tag, jedoch unter der Aufſicht ihrer Praeceptoren, gegönnten Freyheit ihre genien und Gemüths⸗Beſchafenheiten kennen lernet: Ob ſolcher ehedem ſchon*) jähr⸗ lich im Gange war, ſo hat mann ihn nachderhand umdeſwillen etwas ſeltner gehalten, weil einige, wiewohl nicht beträgtliche Ausgaben damit verknüpft ſind; wiederum weil eine ſeltne Freude mehreren Eindruck macht, weshalben es geſchehen, daß man in dieſem Seculo**) ſolche um die Zeit gehalten, wann ein zeitlicher Senior, als der erſte im Rath, zugleich regirender Städtmeiſter, und nach dieſer Qualitaet ſolchen bei Rath in proposition zu bringen, im Stande geweſen. Wann dem⸗ nach ein Wieſengang proponirt und vom Magistrat decretirt worden, ſo bekommt ſogleich der zeitliche Bauherr die Vollmacht zur Beſorgung derer Nothwendigkeiten, nämlich zur Auf⸗ ſchlagung der Hütte und Beſorgung der Mahlzeit; die Anhandſchaffung aber der kleinen Gaben vor die Jugend, nemlich vor die Knaben ſind Ballen und Glücker, vor die Mägdger ſind Nadelbüchſger, Fingerhüth und Glaßſchnür(Potern) auch 2 Ringelchen, den einen von Meſing, ſo ein Kugelring, den andern mit einem gläßernen Steinchen, werden von der Rechenſtube beſorgt; die dann zur Herbeiſchaffung dieſer Sachen, gemeiniglich vor der frankfurter Meß, das iſt circa zu Ende April, nachdem der regirende Städtmeiſter es bei Rath vorgetragen, beſorgt iſt. Zu dieſen 2 oder 3 Herrn wird gemeiniglich noch ein Herr, welches der 2. oberſte oder Subsenior iſt, auf Deputationsweiſe ernennt, die dann zuſammen den Platz auf der Wieſe ausſuchen und das Eſſen veranordnen, auch noch eins und anders wegen denen Schülern reguliren. Nachdem ſolches geſchehen, ſo wird es dem zeitlichen Herrn Pfarrer⸗Senior geſagt, der es in denen Schulen melden muß, wobei ungefähr der Tag zu melden, an dem es, wofern keine widrige Witterung, gehalten werden ſoll. Dieſes breitet ſich ſofort in der Stadt aus, und der Buchdrucker druckt, ſeines Nutzens wegen, die ſo genannte Wieſen⸗Büchelcher, worin die Lieder ſtehen, die zu ſingen ſind beim Aus⸗ und Einzug, ſolches wird aber gemeiniglich denen Hrn. Geiſtlichen zur Correction über- geben. Etliche Tage vor dem beſtimmten Tag werden alsdann vom regirenden Hrn. Städt⸗ meiſter die ſämmtliche Herrn des XIIIr Raths, die Herrn Consulenten und der regirende Hr. Bürgermeiſter, die 4 Hrn. Pfarrer, Stadt⸗ und Rathsſchreiber, die 2 Doctores, auch die 4 lateiniſche praeceptores(letztere unter Beſtimmung der Stunde des Auszuges) zur Herrntafel in der Hütte invitirt, welches auch bei den 3 teutſchen praeceptoren inſofern geſchieht, daß man ſie nur bloß zu einer Mahlzeit invitirt, weil letztere nicht im Herrnzelt ſpeißen: alsdann präparirt ſich der Rector zu einer Oration, die der oberſte in ſeiner(der erſten) classe hält, der Cantor hingegen zu einer cantate währender Tafel. Noch iſt zu erinnern, wann die Kinder nun zum Auszug bei einander verſammelt ſind, muß ſie der teutſche praeceptor zählen und deren Anzahl ſchriftlich beim Hinauskommen den Herrn zuſtellen, die ſich nach der Anzahl der Kinder bei ihren Geſchenken richten, welche ſonſt zu wenig ſeyn könnten. Der Zug ſelber geſchieht alsdann an beſtimmten Tag; die Lateiner gehen den erſten Tag um 10 Uhr, welches gemeiniglich der 6te Mai und Montags

*) Von zweiter Hand corrigirt:d jährlich. **) Im 18. Jahrhundert. 14*