106 Urſprung und Zweck des Wieſengangs.
nicht zulaſſen wollte. Es folgen nun die intereſſanteſten Stellen der gedachten Beſchreibung des Wieſengangs nach dem Wortlaut der Chronik. Wiewohl dieſe Beſchreibung ein Bild des Wieſen⸗ gangs gibt, wie derſelbe im 18. Jahrhundert gefeiert wurde, ſo enthält ſie doch gewiß auch Züge aus der Zeit der Entſtehung des Feſtes. „Von dem Wieſengang.“ „Von deſſen origin und Abſicht.“
„Gleich nach der Evangeliſchen Reformation in der Stadt Worms hat man den Bedacht genommen, dieſelbe Lehre nicht allein auszubreiten, ſondern auch vor künftige Zeiten zu unterhalten, wozu hauptſächlich gehörete, daß man die Mehrheit derer Stadtjugend zu haben ſich Mühe gab: ſolches zu bewerkſtelligen, wurde circa ao 1540*) zum erſtenmal ein Wieſengang vor die Burgerſchaft und ihre Kinder gemacht, weil mann damals wahrgenommen, daß eine, etliche Jahre vorhero gegebene Mahlzeit auf der Wieſe von einem der Stadt⸗Herrn großen Eindruck und guten Erfolg machte bei denen Leuten. Solche gab das Amt, und war ſie nicht koſtbar, doch filen Geſchenke vor die Kinder, welches der Stadt zuſammen nicht über 25 fl. ge⸗ koſtet hat. Mann ahmte in dieſem Fall der erſten Chriſtenheit nach, wo auch viele durch Wohl⸗ thaten gelocket wurden, dabei aber behielte mann immer die Zahl der evangeliſchen Jugend, wie hoch ſie ein Mal gegen das andre Mal ſich verhielte, und ob ſie nicht abgenommen.— Nachmals wie die Religion ſicher ſtunde,**) hiergegen man die Stadt auf ſeiten derer Nachbarn in dem territorio zu kränken, auch eins nach dem andern ihr abzunehmen ſuchte, wurde ſolche Mahlzeit circa ao 1600 in einen Pörtel⸗Schmauß verwandelt, vermög deſſen mann aus allen Schulen junge Leute zu dem Gräntzen⸗Umgang zog, damit ſie in der Zukunft von der Stadt Gränz⸗ ſteinen, Gerechtigkeiten auch Strittigkeiten Wiſſenſchaft bekämen, ſo etliche Tage dauerte, worauf der gantzen Jugend vom Rath eine Freude mit dem Wieſengang, meiſtentheils auf der Rheinwieſe, manchmal auch auf der Bauwieſe, gemacht worden iſt, dabei dann viele Leute ſowohl zu Schiff den Giſen hinauf oder zu Fuß dahin kamen. Solches aber verfiele unter dem 30-jährigen Krig ſo, daß zwar die Mahlzeiten blieben, aber oftmals nur die dem Umgang bei⸗ gewohnten Knaben, mit ihrem praeceptore vom Amt tractirt worden ſind.— Endlich kam circa ao 1650. widerum der Wieſengang auf ſeinen vorigen und allgemeinen Gebrauch, nachdem der 30-jährige Krig geendiget worden, und wurde er von da an, meiſtentheils alle 7 Jahre gehalten, aber deſto anſehnlicher, und wurden alle Honoratiores dazu gezogen, welches dann bis auf den Brand gewähret hat, und nach Maßgab des vor Alters alle 5***) jahr geſchehe⸗ nen Burgerfeldumgangs gehalten worden iſt.— Nach dem Brand, circa ao 1700. wurde dieſes Divertissement widrum hervorgeſucht, die Einwohner aufzumuntern, doch ging es außer den kleinen Gaben vor die Kinder, mit der Mahlzeit dabei ſparſamer zu; der zeitliche Bürger⸗ meiſter muſte letztre beſorgen, welche aber nicht über 20 fl. kommen durfte. NB. Bei obigem Pörtel⸗ und Gräntzen umgang iſt zu merken, daß zwar jährlich dieſelben begangen wurden, diſeits aber alle 5 jahr nur ein Solenner, dabei vile Herrn, auch von denen Dörfern die Schultheißen zu⸗ gegen waren, manchmal.
*) Die Jahreszahl iſt in dem Manuſcript, wie oben ſteht, corrigirt. Die erſte Hand ſchrieb: 1550 Vgl. oben S. 58— 61.. **) Hier iſt von zweiter Hand beigefügt:„wurde die uralte Einrichtung der Gränzſtein⸗Beſichtigung auf dem Burgerfeld wieder hervorgebracht.“ *en) Die Zahl 5 von zweiter Hand als Correctur eingetragen; urſprünglich ſcheint dafür„7“ geſchrieben. zu ſein. 1


