Der Wieſengang, ein Jugend⸗ u. Volksfeſt der Reichsſtadt Worms aus der Zeit der Reformation. 105
Kurfürſt von der Pfalz Johann Wilhelm das Stift förmlich an das Bisthum Worms zurückgab.*) Im Jahre 1634 ſchreibt Conr. Schoppius an Dan. Tossanus:„Aedes vestras Neuhusii inspexi- horto satis bene est: sed domicilium olrerain.(Henr. Alting. Hist. eccl. Pal., p. 351). Der Bezirk, in dem zu Neuhauſen das alte Cyriakusſtift und dann ein halbes Jahrhundert lang die Fürſtenſchule blühte, heißt im Munde des Volkes noch heute„das Stift“. Dasſelbe liegt am nordöſtlichen Ende des Dorfes, wird im Süden von dem die Mühlen treibenden Arme der Pfrimm, im Weſten von der Straße, die von Worms nach Herrnsheim führt, begrenzt. Der innere Raum des„Stifts“ bildet eine mäßige Erhöhung. Dieſelbe war von einem ziemlich breiten, zum Theil noch jetzt erhaltenen Graben eingeſchloſſen, der nach innen und nach außen durch Mauern, die theilweiſe noch jetzt vorhanden ſind, abgegrenzt und faſt befeſtigt war. Ueber dieſen Graben führte von Weſten nach Oſten der noch jetzt ſichtbare, wohl erhaltene Brückenbogen von der Straße ins Stift. Verfolgt man dieſen Weg, indem man zur Rechten gegen Süden die ſehr alte Umfaſſungs⸗ mauer der Fürſtenſchule hat, ſo gelangt man bald an ein durch dieſe Mauer in den inneren Hof der alten Fürſtenſchule einführendes großes Thor, das durch einen halbkreisförmigen Rund⸗ bogen abgeſchloſſen wird; und neben dieſem Thore befindet ſich eine kleinere Thüre, deren ſteinerne Gewandung ebenfalls einen Rundbogen trägt. Die Schlußſteine ſowohl des größeren als des kleineren Bogens, die aus gleichem Material und in demſelben Stile gebildet ſind, tragen dier Jahreszahl 1596. Es iſt nicht zu bezweifeln, daß die gedachten Zugänge Reſte der alten Fürſten⸗ ſchule ſind, ſie bezeichnen die nördliche Grenze der eigentlichen Fürſtenſchule und der dazu gehörigen Gebäude der Lehrer und der Alumnen. Jetzt ſteht das hoch gelegene Schulhaus des Dorfes Neu⸗ hauſen an der Stelle, wo einſt die Gebäude der Fürſtenſchule lagen. An der nordweſtlichen Grenze des Stifts iſt jüngſt auf den Fundamenten eines alten Gebäudes für die katholiſche Ge⸗ meinde zu Neuhauſen ein Kirchlein erbaut worden.
4. Der Wieſengang, ein Jugend⸗ und Volksfeſt der Frei⸗ und Reichsſtadt Worms aus der Zeit der Kirchenreformation.
In der Chronik der Wormſer Gymnaſialbibliothek(Fol. 414. 415.) findet ſich die Be⸗ ſchreibung eines Feſtes, das der Rath zu Worms zu gewiſſen Zeiten den Schülern der lateiniſchen und der deutſchen Schule gab. Die Nachricht über dieſes eigenthümliche Schulfeſt darf hier nicht fehlen,*) beſonders auch deshalb nicht, weil der„Wieſengang“, wie ſpäter erzählt wird, ein Gegen⸗ ſtand des Streits zwiſchen dem Magiſtrat der Stadt Worms und dem 1613 daſelbſt definitiv ge⸗ gründeten und fundirten Jeſuitencolleg wurde, weil die Jeſuiten den Anſpruch erhoben, ebenfalls das Jugendfeſt des Wieſengangs mit ihren Zöglingen zu begehen, der Magiſtrat hingegen ſolches
*)„Der Biſchof Franz Ludwig von Worms verwandelte Kirche und Stiftsgebäude 1730 in ein Waiſen⸗ haus, bis dahin ſpäter ein biſchöflich Wormſiſches Amt mit einem Amtskeller und einem Amtsſchreiber gekommen iſt. Im Jahr 1793 zündeten die Franzoſen bei ihrem Rückzuge vor den Preußen ihre großen Magazine zu Neuhauſen an, wodurch das Waiſenhaus mit der Kirche und mehrere Gebäude zerſtört wurden“.(G. J. Wilhelm Wagner, die vorm, geiſtl. Stifte im Großherz. Heſſen, B. 2, Rheinheſſen, bearb. u. herausg. von Friedrich Schneider, S. 431.)
*½) Director Dr. W. Wiegand hat als Leiter der Wormſer Communal⸗Stadtſchule in dem im Früh⸗ jahr 1852 erſchienenen Jahresbericht der Stadtſchule(S. 16—30) aus der oben bezeichneten Chronik die Dar⸗ ſtellung des„Wieſengangs“ abdrucken laſſen. In jenem Abdruck iſt aber die Quelle nicht angegeben, und die einleitenden Worte über den Zuſammenhang des Wieſengangs mit der evangeliſchen Reformation ſind weg⸗
gelaſſen. Der obige Abdruch ſchließt ſich an mehreren Stellen enger an die Handſchrift an, als der Wiegand'ſche Text. 14


