Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
Einzelbild herunterladen
  

98 Zorns Lebensende, 7. Oct. 1610.

hauſen, faſt vor den Thoren der Stadt Worms, befand, auch für die Wormſer Schulgeſchichte intereſſant iſt, verlohnt es ſich, hier einige Angaben über die Entſtehung und das Geſchick des kurpfälziſchen Gymnaſiums zu Neuhauſen in Folgendem zuſammenzuſtellen, wenn dadurch die Veranlaſſung der angedeuteten Wandelungen des lutheriſchen Gymnaſiums zu Worms ein wenig aufgehellt werden ſollte. Zorn war Rector zu Worms 15651610, das collegium illustre zu Neuhauſen blühte mit Unterbrechung 1565 1615. Gerade die Nachrichten über die Förderung und Blüte der calviniſtiſchen Fürſten⸗ ſchule zu Neuhauſen laſſen ahnen, welche Forderungen gleichzeitig in dem reichsſtädtiſchen lutheriſchen Gymnaſium zu Worms an Zorn geſtellt wurden, und wie begründet auch in dieſer Hinſicht die Andeutung Wilks iſt, daß Zorn in ſeinem Amte nicht auf Roſen gebettet war.

Zunächſt folgen hier noch einige Nachrichten über Zorns Lebensende und über die An⸗ erkennung, die er bei den Zeitgenoſſen gefunden.Er hat keine Schularbeit geſcheuet, ſagt Wilk am 9. Oct. 1610 in der Grabrede,hat dieſelbige noch in ſeiner größten Blödigkeit verrichtet und davon nit abgelaſſen, bis er endlich ſeines Gehörs, ſeiner Sprach, ſeines lahmen Arms und Schenkels halben nit mehr hat fort können kommen und an Kräften des Leibs gar erſchöpft ge⸗ weſen. Da ihn deswegen ein löblicher Magiſtrat und Ehrenveſter Wohlweiſer Rath rude donirt und der Schularbeit entlaſſen und ihm doch nichts deſto weniger ad dies vitae als einem emerito ſeine Unterhaltung ohn allen Abbruch folgen zu laſſen verheißen: hat er ſolches mit großem Dank angenommen und ſich alſo zur Ruhe begeben. Welches denn an unſrer lieben Oberkeit höchlich zu loben iſt, daß ſie ihre alten Schul⸗ und Kirchendiener alſo väterlich bedenkt und ſie ihrer treuen Dienſte in ihrem hohen Alter genießen läßt. Hat darneben nichts anders gewünſcht, weil er ja, je länger je baufälliger iſt worden, als daß Gott mit einem ſeligen Stündlein einmal woll kommen und ihn von dieſer Welt hinweg nehmen. Dazu er ſich denn geſchult hat, da er den 29. Augusti das Heil. Nachtmahl mit großer Andacht empfangen, welches ihm auch am vergangenen Samſtag zu abends um 3 Uhr auf ſein Begehrn wiederum iſt gereicht worden, da er ſein Bekenntnis mit kurzen Worten gethan, ſeine Kinder zur Gottesfurcht, Beſtändigkeit in der Religion, zur Einigkeit ermahnt, auch ſeinen älteren Sohn*) erinnert, wo er ihm ein Epitaphium woll aufrichten, ſo mög ers thun, wiewohl er nit viel darnach frage. Er hab ſchon ſein Epitaphia im Himmel an ſeinen discipulis, die er mit allem Fleiß und Treu erzogen. Hat darneben allen denjenigen, die ihm und den Seinigen guts gethan, ſonderlich einem Ehrenveſten Rath von Herzen gedankt und ſich durchs Gebet Gott gänzlich befohlen, bis er endlich am Sonntag den 7. Oct. 1610 zu abends um 4 Uhr ſanft und ſelig in dem Herrn iſt entſchlafen. Zorn hatte gewünſcht, daß ſeiner Grab⸗ rede als Text zu Grunde gelegt werde: 2. Thim. 4.Ich werde ſchon geopfert, und die Zeit meines Abſcheidens iſt vorhanden; ich habe einen guten Kampf gekämpft ꝛc. Ueber dieſen Text hielt denn auch M. Andreas Wilk ſeinem Freunde und Gevattersmann die Grabrede.

Dieweil wir jetzt, beginnt derſelbe nach Verleſung des Texts,dem achtbaren und wohl⸗

*)nemblich Herrn M. Philippum Christophorum Zornium, welcher hernach Städtmeiſter und Scholarcha zu Wormbs worden, auch in anno 1635 ſeelig daſelbſten eingeſchlafen, dieſe Worte fügte Sigismund Gerlach, Pfarrer und Gymnaſialviſitator zu Worms'ſeinem zum Theil aus Wilks Predigt geſchöpften Berichte über Zorns Ende, auf S. 373 des folgenden Buchs bei:Suspiria Sancta Sanctorum: das iſt Hertzensſeufftzer der Heyligen: wie ſie nach dem ewigen Leben geſeufftzet, manche ſchöne troſtreiche hertzbrechende Reden vor ihrem ſeeligen Hintritt getrieben, darauß man denn die wahre f6 αeνπαάt oder Sterbkunſt zu lernen, und kan dieſe Seufftzer ein jeder täglich nachthun, damit er auch mit dieſen Heiligen ſeeliglich abſcheide. Zuſammengetragen von sigis⸗ mundo Gerlachio Spirensi, Pastore Wormat.& Gymnasii Visitatore, Getruckt zu Franckfurth am Mayn, bei Hand Friederich Weiß Anno MDCXLVII.