Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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Ging das lutheriſche Gymnaſium zu Worms 158s auf drei Klaſſen zurück? 9 7

Lehrer; und darnach müßte man wohl annehmen, daß die Wormſer Lateinſchule in dieſen zwanzig Jahren nur noch drei Klaſſen gehabt habe. Wie war es aber damals möglich, in drei Klaſſen der Aufgabe des Gymnaſiums zu entſprechen? Es iſt nicht anzunehmen, daß man auf die Einrichtung derdrei Haufen Melanchthons zurückging. Denn als Melanchthon die erſten Pläne für Stadtſchulen entwarf, mußte in der unterſten Klaſſe der dreiklaſſigen Lateinſchule der erſte Leſeunterricht aufgenommen werden, wo Schulen für Elementarunterricht oder Volksunterricht noch nicht vorhanden waren. Allein in Worms war frübhzeitig eine Elementar⸗ oder deutſche Schule errichtet worden. Denn die Chronik der Wormſer Gymn.⸗Bibliothek(Fol. 241 3a) erzählt, daß nach der Annahme des Augsburger Interims am 28. Aug. 1548 der Rath zu den lateiniſchen und deutſchen Schulmeiſtern geſchickt und die deutſchen Pſalmen vor den Häuſern zu ſingen unterſagt habe.*) Und wenn nach der Ausſage des Zornſchen Lehrerverzeichniſſes Johann Lauten⸗ ſchleger im Jahre 1583 deutſcher Schulmeiſter oder deutſcher Rechenmeiſter wurde und viele Jahre bis 1602? blieb, ſo hatte die Wormſer Lateinſchule, als ſie im Jahre 1588 veranlaßt war, ihre Organiſation auf drei Klaſſen zu beſchränken, nicht nöthig, den elementaren Unterricht im Leſen ꝛc, in ihre dritte Klaſſe aufzunehmen, wie Melanchthon urſprünglich empfohlen, ſondern es war möglich, bei der Anfnahme in die Lateinſchule die Kenntniß des Leſens und vielleicht auch einer Summe von lateiniſchen Vocabeln und deren Biegung vorauszuſetzen, ſo daß alſo die drei⸗ klaſſige Lateinſchule im Weſentlichen wohl den drei oberen Klaſſen der früheren vierklaſſigen Schule entſprach und im Allgemeinen einen 69-jährigen Curſus gehabt haben mochte. Solche drei⸗ klaſſige Lateinſchulen haben ſich in deutſchen Ländern, z. B. in Württemberg und Kurheſſen, ſogar bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Selbſt jenes Gymnaſium zu Worms, das ſich aus der franzöſiſchen Secondärſchule ſeit 1815 entwickelte, war bis zum Jahre 1829 im Weſentlichen eine dreiklaſſige Lateinſchule, die in jeder Klaſſe zwei Abtheilungen hatte, wenig Griechiſch, etwas mehr Realien lehrte. Aber welche Veranlaſſungen mögen wohl dazu geführt haben, daß das reichsſtädtiſche Gymnaſium zu Worms, das in den Jahren 15821586 bereits die ſtattliche Einrichtung von fünf Klaſſen beſaß, in raſchem Verlauf auf drei Klaſſen zurückging? Weder in der Perſön⸗ lichkeit Zorns, der 1586 erſt 48 Jahre alt war, noch in den Verhältniſſen der Stadt Worms, der damals kein größeres Ungemach zuſtieß, dürfte der Grund dieſes Rückgangs zu ſuchen ſein. Es drängt ſich uns die Frage auf: Sollte die Wormſer Anſtalt vielleicht durch die glückliche Entwickelung der vom Kurfürſten Friedrich III. von der Pfalz im Jahre 1565 gegründeten und nach vorübergehender Auflöſung im Jahre 1585 wieder hergeſtellten Fürſtenſchule zu Neuhauſen bei Worms beeinträchtigt worden ſein? Oder ſollten etwa doch in dem Zorn ſſchen Lehrerverzeichniß für die letzten zwanzig Jahre hinter einander die Namen mehrerer Lehrer der vierten Klaſſe aus⸗ gefallen ſein? Aber ein Verſehen, das ſich über zwanzig Jahre erſtreckt, iſt hier nicht leicht anzunehmen; und das Verzeichniß trägt in ſich gar viele Anzeichen der Glaubwürdigkeit und Voll⸗ ſtändigkeit. Wenn es nun auch nicht möglich iſt, zur Zeit die Frage nach dem Aufſchwung der Wormſer Schule in den Jahren 15821586, und nach dem Rückgang derſelben ſeit dem Jahre 1588 ſicher zu beantworten: ſo iſt es doch bemerkenswerth, daß die Wormſer Schule fünf Klaſſen beſaß, während das Neuhauſener Gymnaſium vorübergehend aufgelöſt war, und daß die Wormſer An⸗ ſtalt ſchon drei Jahre nach der Wiedereröffnung der Fürſtenſchule zu Neuhauſen auf drei Klaſſen zurückging. Auch abgeſehen davon, daß jene berühmte calviniſtiſche Fürſtenſchule, die ſich in Neu⸗

*) Dieſes Verbot berichtet auch die Chronik des Jahres 1613, S. 615, und die Handſchrift F der Zorn'ſchen Chronik, Fol. 370.

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