96 Die fünf Klaſſen des Rectors Sturm und der Heidelberg⸗Ambergiſchen Schulordnung vom J. 1565.
mehr oder weniger zum Vorbild dienten, erſetzt wurden. Sturm bereitete vom ſechſten Jahre an in zehn Jahrescurſen für die academiſchen Studien vor. Für Schulen an kleineren Orten entwarf aber derſelbe bekanntlich ein Syſtem von fünf aus Jahresabtheilungen combinirten Klaſſen, und die Fünf⸗ zahl der Klaſſen tritt uns in der Geſchichte der Lehranſtalten an vielen Orten entgegen. Auch die vom Kurfürſten Friedrich III. von der Pfalz im J. 1565 erlaſſene Schulordnung des Heidelberger Pädagogiums weiſt zunächſt fünf Klaſſen auf, dann kam noch eine ſechſte dazu, und es iſt zu vermuthen, daß in der hochberühmten calviniſtiſchen Fürſtenſchule, die der Kurfürſt Friedrich III. von der Pfalz in dem nur eine Viertelſtunde von Worms entfernt liegenden Neuhauſen, in dem alten Cyriacusſtifte, im Jahre 1565 anlegte, ähnliche Einrichtungen beſtanden. Auch die im Jahre 1565 von Friedrich III. gegründete Schule zu Amberg wurde nach der Ordnung des Heidelberger Pädagogiums vom J. 1565 eingerichtet.*) Es kann nicht zweifelhaft ſein, daß in jener Zeit das lutheriſche Gymnaſium zu Worms ſich beſtreben mußte, hinter der calviniſtiſchen Fürſtenſchule zu Neuhauſen nicht zurückzuſtehen.
Rector Zorn, der ſchon im Pädagogium zu Heidelberg im Jahre 1560—61 Lehrbücher Sturms gebraucht hatte und demnach der Sturmſſchen Geſtaltung des Gymnaſialweſens ſo wenig fern ſtand, wie irgend ein tüchtiger Pädagoge ſeiner Zeit, vermochte ſowohl in den vier als auch in den fünf Klaſſen der Wormſer Lateinſchule einen Lehrplan durchzuführen, der dem Heidelberger Lehrplan vom J. 1565 verwandt war. Vor 1582 vermochte er in ſeiner 4. Klaſſe das Penſum der Heidelberger Quinta, in der 3. Klaſſe das der dortigen Quarta, in der 2. Klaſſe dasienige der Tertia, in der 1. Klaſſe dasjenige der Heidelberger Secunda und Prima zu bearbeiten. Als Zorn im Jahre 1582 unter ſeiner erſten Klaſſe eine neue Klaſſe einſchob, vermochte er wohl die für die Univerſität vorzubereitenden Schüler in ähnlicher Weiſe in zwei Oberklaſſen zu trennen, wie ſolche in der Secunda und Prima des Heidelberger Pädagogiums getrennt waren. Vom Jahre 1588 bis zum Jahre 1608 enthält das Zornſſhe Lehrerverzeichniß jeweilig nur drei
*) Die Conſtitution und Ordnung des Heidelberger Pädagogiums vom J. 1565 enthält folgenden Lehrplan, nach welchem die weſentlichſten Disciplinen des zehnjährigen Gymnaſialcurſes des Johannes Sturm in fünf, offenbar meiſtens zweijährigen Curſen zuſammengedrängt ſind. Quinta classis: Quintus praeceptor doceat legere ex inflexionibus nominum et verborum. Infimi discant legere, cum inflexionibus verborum. Pro- vectiores nomina et verba praecedente die praescripta auscultante Praeceptore inflectant. Provectiores ex Grammatica Philippi Melanchthonis minori praeseriptos a Praeceptore versus recitent. Exerceantur in Catechismo Germanico legendo et discendo memoriter.(Die fünfte Klaſſe zerfällt alſo in eine untere und eine obere Ordnung. Die untere⸗ Ordnung beginnt im Alter von ſechs Jahren mit Erlernen des Leſens.)— Quarta classis. Grammatica parva Philippi. Selectae epistolae Sturmii. Exerceantur in declinationibus et conjugationibus thematum difficiliorum. Selecta praecepta syntaxeos. Selecta carmina Tibulli, Ovidii. Tertia classis. Grammatica parva Philippi, posterior pars. Selectae Ciceronis epistolae. Syntaxis latina Erasmi. Initia Graecae linguae: deelinationes et conjugationes ex Clenardo. Libellus aliquis graecus, ut fabulae Aesopi, selectae a Sturmio. Eelogae Vergilii et prosodia, Secunda classis. Rhetorica et facilis quaedam oratio Ciceronis, ut pro Archia poeta. Epistolae familiares Ciceronis. Eclogae Vergilii. Grammatica Philippi. Novum Testamentum. Grammatica Clenardi. — Lectio communis cum prima classe. Prima classis. Dialectica. Libri philosophici Ciceronis, Officia, de Amicitia, de senectute etc. Semel in septimana Graece scribant. Legatur aliquis facilis graecus auctor, ut orationes lsocratis.(Vgl. Vormbaum, evang. Schulordn., B. 1. S. 179— 184.— J. F. Hautz, Lycei Heidelb. orig. et- progr. p. 108— 115.) Es kann hier nicht die Aufgabe ſein, nachzuweiſen, inwiefern in vorſtehendem Lehrplan beſonders die beiden oberen Klaſſen hinter den vier einjährigen Oberklaſſen Sturms zurückſtehen, beſonders bezüglich der Behandlung des Plautus und Terenz, des Demoſthenes, Thucydides und der griechiſchen Tragiker. Aber Sturms Lehrplan ſchimmert doch durch den Kurpfälziſchen, bez. Heidelberg⸗Amberg'ſchen Lehrplan des⸗ Jahres 1565 durch.


