94 Errichtung der vierten Klaſſe des Wormſer Gymnaſiums 1576.
gehenderem Unterricht in der Religion. Der ober ſte Haufen las Vergil, Ovid, Cicero, trieb Dialektik und Rhetorik und übte ſich im Lateinſprechen. In der mittleren Klaſſe der dreiklaſſigen Lateinſchule der kurſächſiſchen Schulordnung vom J. 1580 ſollen die Anfangsgründe der griechiſchen Grammatik gelernt, kurze griechiſche Fabeln des Aeſop, kurze Sprüche und Epiſteln in griechiſcher Sprache behandelt werden: in der oberſten Klaſſe der gedachten Schulordnung ſollen Iſokrates, Theognis, Plutarch, das erſte Buch der Ilias geleſen werden. Die mittlere Klaſſe und die obere Klaſſe der dreiklaſſigen Lateinſchule fertigten ſchriftliche lateiniſche Arbeiten an, Briefe, Geſpräche, auch Verſe. Es ſcheint nicht zweifelhaft, daß Rector Zorn, wie er in Heidelberg im Jahre 1560— 61 in der oberen Klaſſe des dortigen zweiklaſſigen Pädagogiums griechiſchen Unterricht ertheilte, ſo auch in Worms Griechiſch lehrte.— Für die drei Klaſſen waren nur drei Lehrer erforderlich: jeder Lehrer ertheilte der Regel nach den ganzen Unterricht ſeiner Klaſſe.
Der Rector, auch Schulmeiſter oder Oberſchulmeiſter genannt, unterrichtete die oberſte Klaſſe; der zweite Lehrer, welcher Conrector, Collaborator, Hypodidascalus oder Supremus be⸗ titelt war, lehrte in der zweiten oder mittleren Klaſſe, der dritte Lehrer unterwies die unterſte Klaſſe in den Elementen und ertheilte in allen Klaſſen den Muſik⸗ und Geſangunterricht, weshalb er den Namen Cantor führte. Die Unterrichtszeit belief ſich täglich auf etwa 4—6 Stunden, und zwar Vormittags etwa von 6 Uhr bis 9 Uhr und Nachmittags von 12—3 Uhr. Die Stunde von 12—1 Uhr war für den Geſang beſtimmt. Im Geſangunterricht wurden alle ſingfähigen Schüler aller Klaſſen vereinigt. Auch wurde von dem Cantor ein aus bedürftigen Schülern be⸗ ſtehender Singchor ausgebildet, der in den Gottesdienſten lateiniſche und deutſche Lieder ſang, bei öffentlichen Leichenbegängniſſen Geſänge aufführte und für ſolche Leiſtungen regelmäßige Be⸗ zahlungen erhielt, dabei aber auch durch Singen auf den Straßen und vor den Häuſern der Reichen, beſonders in der Zeit von Weihnachten bis Neujahr, Mittel zum Lebensunterhalt ver⸗ diente. An der kirchlichen Katechismuslehre mußten die Lateinſchüler Sonntags und an einem oder zwei Wochentagen Theil nehmen, und ihre Lehrer führten ſie zur Kirche und beaufſichtigten ſie dort. So war eine lateiniſche Stadtſchule faſt ein Anhang zur Kirche. Die Aufſicht über dieſelbe wurde nach Luthers und Melanchthons Einrichtung durch ein ſtädtiſches Scholarchat geführt, wie ein ſolches in Worms noch im 18. Jahrhundert beſtand und jedenfalls im Zeitalter der Reformation entſtanden war. Das Scholarchat beſtand aus einigen Rathsmitgliedern und einem. als Viſitator der lateiniſchen Schule beſtellten Ortspfarrer, unter denen gewöhnlich ein regierender oder ein geweſener Städtmeiſter den Vorſitz führte. Dem Scholarchat gegenüber hatte der Rector meiſt einen geringen Einfluß auf die Wahl und Anſtellung der lübricen Lehrer, und viele Mißſtände reichsſtädtiſcher Gelehrtenſchulen erklären ſich hieraus.
Im Jahre 1576 wurde an der Lateinſchule zu Worms zu den ſeitherigen drei Klaſſen eine⸗ vierte Klaſſe gefügt. Das obige Verzeichniß der Zorn’'ſchen Lehrer ſagt darüber:„Dann iſt wegen der Menge der Tertianer(denn der Zeit nit mehr denn drey classes geweſen) Johann Utrer von Zerbſt 1576, 17. May adjungieret worden.“ In nicht unterbrochener Reihe folgen dann die Lehrer der vierten Klaſſe bis zum Jahre 1588. Nach vorſtehender Angabe erfolgte die Gründung der vierten Klaſſe zum Zweck der Spaltung der dritten oder unterſten Klaſſe in zwei Klaſſen. Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß diejenigen Schüler der früheren dritten Klaſſe, die vom ſechſten Jahre an in der unterſten Ordnung leſen lernten und ind er nächſten Ordnung in dem Erlernen lateiniſcher Vocabeln und deren Flexion einen Anfang machten, die neue vierte Klaſſe bildeten, daß dagegen die Knaben, die ſich dieſe elementaren Kenntniſſe bereits angeeignet hatten und anfingen das Latein ſyſtematiſch zu lernen, indem ſie ihren Donat oder die erſte Grammatik,


