Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
Einzelbild herunterladen

84

wenn die Kinder nach Hauſe gehen, ſoll man ihnen einen Sentenz aus einem Poeten oder andren fürſchreiben, den ſie Morgens wieder aufſagen, als: Amicus certus in re incerta cernitur: Ein gewiſſer Freund wird in Un⸗ glück erkannt. Oder: Fortuna quem nimium

fovet, stultum facit: Wen das Glück zu wohl hält, den macht es zu einem Narren.

Item Ovidius: Vulgus amicitias utilitate probat: Der Pöbel lobt die Freundſchaft nur nach dem Nutz.

Morgens ſollen die Kinder den Aesopum wieder exponieren. Dabei ſoll der Präceptor etliche Nomina und verba declinieren, nach Ge⸗ legenheit der Kinder viel oder wenig, leichte oder ſchwere, und fragen auch die Kinder Regel und Urſach ſolcher Declination. Wenn auch die Kinder haben regulas constructionum gelernt, ſoll man auf dieſe Stunde fordern, daß ſie, wie mans nennt, conſtruieren, welches ſehr fruchtbar iſt, und doch von wenigen geübt wird. Wenn nun die Kinder den Aesopum auf dieſe Weiſe gelernt, ſoll man ihnen Terentium fürgeben, welchen ſie auch auswendig lernen ſollen, dem ſie nun gewachſen, und mehr Arbeit zu tragen vermögen. Dochſoll der Schulmeiſter Fleiß haben, daß die Kinder nicht überladen werden. Nach dem Terentio ſoll der Schulmeiſter den Kindern etliche fabulas Plauti, die rein ſind, fürgeben, als nem⸗ lich: aululariam, trinummum, pseudolum u. dgl.

Die Stunde vor Mittage ſoll allewege für und für alſo angelegt werden, daß man darin nichts andres, denn Grammaticam lehre. Erſt⸗ lich Etymologiam, darnach Syntaxin, folgend Prosodiam. Und ſtetigs, wenn dieß vollendet, ſoll mans wieder vorn anfahen, und die Gram⸗ matica den Kindern wohl einbilden. Denn wo ſolches nicht geſchieht, iſt alles lernen verloren und vergeblich. Es ſollen auch die Kinder ſolche regulas grammaticae auswendig aufſagen, daß ſie gedrungen und getrieben werden, die Gram⸗ matica wohl zu lernen. Wo auch den Schul⸗ meiſter ſolche Arbeit verdreußet, wie man viel

Lehrplan der Mittelklaſſe der kurſächſiſchen und der kurpfälziſchen Schulordnung vom J. 1556.

Aber Aesopus ſoll nicht gantz aus der Schul kommen.Den Donners⸗ tag und Freytag ſoll man dieſem heuflin Terentium exponieren, den ſollen die Knaben von Wort zu Wort auswendig lernen, darumb ſoll man nit viel auf einmal fürgeben. Am Abend ſoll man dieſen Knaben, ſo ſie zu Haus gehen, einen nützlichen Spruch fürſchreiben und exponiern und ge⸗ denken, daß ſie ihn morgens aufſagen, als:Timor domini initium sapientiae;Omnibus in rebus modus est pulcherrima virtus, und dergleichen.

Morgens frühe ſollen dieſe Knaben, ſovil ſie in Aesopo oder Terentio gehört haben, wiederumb aufſagen. Und ſoll der Praeceptor etliche nomina declinieren laſſen und verba conjugiern, nach Gelegenheit der Kinder, viel oder wenig, und ſoll die Reglen De Generibus, Casibus, Praeteritis und Supinis fleißig fordern.So auch die Kin⸗ der Regulas Constructionum gelernt haben, ſoll er die Conſtruction und die Reglen dar⸗ von fordern. Die ander Stund vor Mit⸗ tag ſollen die vier Tage in der Wochen, Montag, Dienſtag, Donnerſtag, Freytag allezeit alſo gebraucht werden, daß dann die Knaben erſtlich ein Stück in Etymo logia auswendig recitieren. Darnach ſoll der Präceptor dieſelbige Regeln mit Exempeln erkleren.

Und ſo ſie die Etymologiam gelernt haben, ſollen ſie hernach Syntaxin diſe Stund auch alſo auswendig recitieren, und ſoll der Präceptor hernach dieſelbige Reglen mit exemplis erkleren und die Knaben teutſch fragen, daß ſie Exempla latina auf die Regel in Syntaxi machen. Als, wie ſoll man in Latein ſprechen:Straf folget gewißlich nach Verachtung Göttlicher Gebot? Poena comitatur certo contemptum divinarum legum.Und ſollen nun allweg die Schul⸗ meiſter dieſen Fleiß thun, daß ſie die Jugend treiben, Regulas Grammaticae auswendig zu lernen. Und ſoll dieſe Thorheit nit geduldet

Praecepta Morum.