76 Luther empfiehlt die Anlegung guter Bibliotheken und die Pflege der wichtigſten Wiſſenſchaften.
jenigen, ſo Liebe und Luſt haben, daß ſolche Schulen und Sprachen in deutſchen Landen auf⸗ gerichtet und erhalten werden, daß man Fleiß und Koſt nicht ſpare, gute Libereien und Bücher⸗ häuſer, ſonderlich in den großen Städten, die ſolches wohl vermögen, zu ſchaffen.— Erſtlich ſollte die heilige Schrift beide auf Lateiniſch, Griechiſch, Ebräiſch und Deutſch, und ob ſie noch in mehr Sprachen wäre, darinnen ſein. Darnach die beſten Ausleger und die älteſten, beide Griechiſch, Ebräiſch und Lateiniſch, wie ich ſie finden könnte. Darnach ſolche Bücher, die zu den Sprachen zu lernen dienen, als die Poeten und Oratores, nicht angeſehen, ob ſie Heiden oder Chriſten wären, Griechiſch oder Lateiniſch. Denn aus ſolchen muß man die Grammatica lernen. Darnach ſollten ſein die Bücher von den freien Künſten und ſonſt von allen andern Künſten. Zuletzt auch der Rechte und Arznei Bücher; wiewohl auch hie unter den Commenten einer guten Wahl noth iſt. Mit den fürnehmſten aber ſollten ſein die Chroniken und Hiſtorien, waſerlei Sprachen man haben könnte; denn dieſelben wundernütze ſind, der Welt Lauf zu erkennen und zu regieren, ja auch Gottes Wunder und Werk zu ſehen. O wie manche feine Geſchichte und Sprüche ſollte man jetzt haben, die in deutſchen Landen geſchehen und gangen ſind, der wir jetzt gar keines wiſſen.— Derohalben bitte ich euch, meine lieben Herren, wollet dieſe meine Treue und Fleiß bei euch laſſen Frucht ſchaffen. Und ob etliche wären, die mich zu geringe dafür hielten, daß ſie meines Raths ſollten leben, oder mich, als den Verdammten von den Tyrannen verachten; die wollten doch an⸗ ſehen, daß ich nicht das meine, ſondern allein des ganzen deutſchen Landes Glück und Heil ſuche. Und ob ich ſchon ein Narr wäre und träfe doch was guts, ſollte je keinem Weiſen eine Schande dünken, mir zu folgen. Und ob ich gleich ein Türke und Heide wäre, ſo man doch ſiehet, daß nicht mir daraus kann der Nutz kommen, ſondern den Chriſten, ſollen ſie doch billig meinen Dienſt nicht verachten.— Hiermit befehle ich euch Gottes Gnaden, der wolle eure Herzen erweichen und anzünden, daß ſie ſich der armen, elenden, verlaſſenen Jugend mit Ernſt annehmen, und durch göttliche Hilfe ihnen rathen und helfen zu ſeligem und chriſtlichem Regiment deutſchen Landes, an Leib und Seel, mit aller Fülle und Ueberfluß, zu Lob und Ehren Gott dem Vater durch Jeſum Chriſtum unſern Heiland, Amen.“
Daß in dem reichsſtädtiſchen Gymnaſium zu Worms im 16. Jahrhundert im Geiſte Luthers und ſeiner Anhänger gelehrt wurde, ergibt ſich unter Andrem aus der Schilderung der Wirkſam⸗ keit und der geiſtigen Richtung des Rectors M. Zorn, die wir dem hier ſchon öfters erwähnten Pfarrer M. Andreas Wilk verdanken. In der Handſchrift F der Wormſer Chronik iſt näm⸗ lich die oben erwähnte Leichenrede zu leſen, die Pfarrer Wilk dem Rector Zorn, im Jahre 1610 gehalten hat.*) Die Anerkennung, die dem verſtorbenen Rector für ſeine religiös⸗ſittliche Wirkſamkeit ausgeſprochen wird, beweiſt deutlich die Richtung, die der Rath zu Worms der Stadtſchule gegeben hatte. „Er iſt nun gangen in das 73. Jahr“, ſagt Wilk in der Grabrede,„und iſt der Stadt⸗Schul allhier 45 Jahr treulich fürgeſtanden, und hat ſolche Zeit über viele feine ingenia erzogen, die zum Theil der chriſtlichen Kirche, zum Theil dem weltlichen Regiment, zum Theil chriſtlichen Schulen mit großem Nutzen und Frucht dienſtlich ſein. Da iſt er ein rechter Epicharmus ge⸗ weſen, von dem man ſchreibt: er habe die Jugend ſo viele nützliche Sachen gelernet, daß ihm nicht genugſam zu danken wäre. Alſo hat erdie liebe Jugend in Gottesfurcht, in wahrer chriſtlichen Religion, in Lutheri catechismo, in Tugend und Ehrbarkeit, in guten Künſten und Sprachen treulich und fleißig auf⸗
*) Ein kurzer Auszug aus der Rede iſt in der Chronik der Wormſ. Gymn.⸗Bibliothek enthalten. Einige Stellen dieſes Auszugs hat Director Dr. Wiegand im J. 1855 im Programm des Wormſer Gymnaſiums veröffentlicht. Die Quelle jener Veröffentlichung wurde damals nicht angegeben.


