74 Luther:„Wo nicht die Sprachen bleiben, da muß zuletzt das Evangelium untergehen.“
noch Deutſch recht reden oder ſchreiben können. Des laßt uns das elende greuliche Exempel zur Beweiſung und Warnung nehmen in den Hohen Schulen und Klöſtern, darinnen man nicht allein das Evangelium verlernet, ſondern auch Lateiniſche und Deutſche Sprache verderbet hat, daß die elenden Leute ſchier zu lauter Beſtien geworden ſind, weder Deutſch noch Lateiniſch recht reden oder ſchreiben können; und beinahe auch die natürliche Vernunft verloren haben. Darum iſts gewiß, wo nicht die Sprachen bleiben, da muß zuletzt das Evangelium untergehen. Das hat auch bewieſen und zeiget noch an die Erfahrung, denn ſobald nach der Apoſtel Zeit, da die Sprachen aufhöreten, nahm auch das Evangelium und der Glaube und ganze Chriſtenheit je mehr und mehr ab, und iſt, ſeit der Zeit die Sprachen gefallen ſind, nicht viel beſonders in der Chriſtenheit er⸗ ſehen, aber gar viel greulicher Greuel aus Unwiſſenheit der Sprachen geſchehen. Alſo wiederum: weil jetzt die Sprachen hervorkommen ſind, bringen ſie ein ſolches Licht mit ſich und thun ſolche große Dinge, daß ſich alle Welt verwundert, und muß bekennen, daß wir das Evangelium ſo lauter und rein haben, faſt als die Apoſtel gehabt haben, und ganz in ſeine erſte Reinigkeit kommen iſt, und gar viel reiner, denn es zur Zeit St. Hieronymi oder Augustini geweſen iſt.— Wo die Sprachen ſind, da gehet es friſch und ſtark, und wird die Schrift durchtrieben, und findet ſich der Glaube immer neu. Es ſoll uns auch nicht irren, daß etliche ſich des Geiſtes rühmen und die Schrift geringe achten. Etliche auch, wie die Brüder Valdenses, die Sprachen nicht nützlich achten. Aber lieber Freund, Geiſt hin, Geiſt her, ich bin auch im Geiſt geweſen und habe auch Geiſter geſehen. Auch hat mein Geiſt ſich etwas beweiſet, ſo doch ihr Geiſt im Winkel gar ſtille iſt, und nicht viel mehr thut, denn ſeinen Ruhm aufwirft. Das weiß ich aber wohl, wie faſt der Geiſt alles alleine thut.— Ich hätte auch wohl können fromm ſein und in der Stille recht predigen; aber den Pabſt und die Sophiſten mit dem ganzen endechriſtlichen Regiment würde ich wohl haben laſſen ſein, was ſie ſind. Der Teufel achtet meinen Geiſt nicht ſo faſt, als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geiſt nimmt ihm nichts, denn mich allein; aber die heilige Schrift und Sprachen machen ihm die Welt zu enge, und thut ihm Schaden in ſeinem Reiche. So kann ich auch die Brüder Valdenses darinnen gar nicht loben, daß ſie die Sprachen verachten. Denn ob ſie gleich recht lehreten, ſo müſſen ſie doch gar oft des rechten Textes fehlen, und auch ungerüſtet und ungeſchickt bleiben, zu fechten für den Glauben wider den Irrthum. Darzu iſt ihr Ding ſo finſter und auf eine eigene Weiſe gezogen, außer der Schrift Weiſe zu reden, daß ich beſorge, es ſei oder werde nicht lauter bleiben. Denn es gar gefährlich iſt, von Gottes Sachen anders reden, oder mit andern Worten, denn Gott ſelbſt brauchet.— Nun, das ſei geſagt vom Nutz und Noth der Sprachen und Chriſtlichen Schulen, für das geiſtliche Weſen und zur Seelen Heil. Nun laſſet uns auch den Leib vornehmen und ſetzen: Ob ſchon keine Seele noch Himmel oder Hölle wäre, und ſollten alleine das zeitliche Regiment anſehen nach der Welt, ob dasſelbe nicht bedürfte vielmehr guter Schulen und gelehrter Leute, denn das geiſtliche?— Wenn nun gleich keine Seele wäre, und man der Schulen und Sprachen gar nicht bedürfte um der Schrift und Gottes willen; ſo wäre doch allein dieſe Urſache genugſam, die allerbeſten Schulen, beide für Knaben und Mädchen, an allen Orten aufzurichten, daß die Welt, auch ihren weltlichen Stand äußerlich zu halten, doch bedarf feiner und geſchickter Männer und Frauen. Daß die Männer wohl regieren könnten Land und Leute, die Frauen wohl ziehen und halten könnten Haus, Kinder und Geſinde. Nun ſolche Männer müſſen aus Knaben werden, und ſolche Frauen müſſen aus Mägdlein werden; darum iſt zu thun, daß man Knäblein und Mägdlein recht lehre und aufziehe. — Ja, ſprichſt du, ein jeglicher mag ſeine Söhne und Töchter wohl ſelber lehren und ziehen mit Zucht. Antwort: Ja, man ſiehet wohl, wie ſichs lehret und zeucht. Und wenn die Zucht aufs


