Luthers Mahnrede, daß Obrigkeit u. Rath ſorgen ſollen, daß ſie‚viel feiner, gelehrter, wohlgezogner Bürger“ haben. 73
haltet zu, wer greifen und halten kann: faule Hände müſſen ein böſes Jahr haben.— Gottes Gebot treibet durch Moſen ſo oft und fordert, die Eltern ſollen die Kinder lehren, daß auch der 78. Pſalm ſpricht:„Wie hat er ſo hoch unſern Vätern geboten, den Kindern kund zu thun und zu lehren Kindes Kind.“— O wehe der Welt immer und ewiglich! Da werden täglich Kinder geboren und wachſen bei uns daher! und iſt leider! niemand, der ſich des armen jungen Volkes annehme und regiere, da läßt mans gehen, wie es gehet.— Ja, ſprichſt du, ſolches Alles iſt den Eltern geſaget, was gehet das die Rathsherrn und Obrigkeit an? Iſt recht geredet; ja, wie wenn die Eltern aber ſolches nicht thun? wer ſoll es denn thun? Soll es darum nachbleiben, und die Kinder verſäumet werden? Wo will ſich da die Obrigkeit und Rath entſchuldigen, daß ihnen ſolches nicht ſollte gebühren? Daß es von den Eltern nicht geſchieht, hat mancherlei Urſach.— Nun liegt einer Stadt Gedeihen nicht allein darin, daß man große Schätze ſammle, feſte Mauern, ſchöne Häuſer, viel Büchſen und Harniſch zeuge; ja, wo des viel iſt und tolle Narren drüber kommen, iſt ſo viel ärger und deſto größer Schade derſelben Stadt; ſondern das iſt einer Stadt beſtes und allerreichſtes Gedeihen, Heil und Kraft, daß ſie viel feiner, gelehrter, vernünftiger, ehrbarer, wohlgezogener Bürger hat, die können darnach wohl Schätze und alles Gut ſammeln, halten und recht brauchen.— Weil denn eine Stadt ſoll und muß Leute haben, und allenthalben der größte Gebreche, Mangel und Klage iſt, daß an Leuten fehle, ſo muß man nicht harren bis ſie ſelbſt wachſen; man wird ſie auch weder aus Steinen hauen noch aus Holz ſchnitzen; ſo wird Gott nicht Wunder thun, ſo lange man der Sachen durch andere ſeine dargethane Güter gerathen kann. Darum müſſen wir dazu thun, und Mühe und Koſt daran wenden, ſie ſelbſt erziehen und machen.— Ja, ſprichſt du, ob man gleich ſollte und müßte Schulen haben, was iſt uns aber nütze, Lateiniſche, Griechiſche und Ebräiſche Zungen und andere freie Künſte zu lehren? Könnten wir doch wohl deutſch die Bibel und Gottes Wort lehren, die uns genugſam iſt zur Seligkeit? Antwort: Wenn kein anderer Nutz an den Sprachen wäre, ſollte doch uns das billig erfreuen und anzünden, daß es ſo eine edle, feine Gabe Gottes iſt, damit uns Deutſchen Gott jetzt ſo reichlich, faſt über alle Länder, heimſuchet und begnadet.— Darum, liebe Deutſchen, laſſet uns hie die Augen auf⸗ thun, Gott danken für das edle Kleinod, und feſte drob halten, daß es uns hie nicht wieder entzücket werde, und der Teufel nicht ſeinen Muthwillen büße; denn des können wir nicht leugnen, wiewohl das Evangelium allein durch den heiligen Geiſt iſt kommen und täglich kömmt; ſo iſts doch durch Mittel der Sprachen kommen, und hat auch dadurch zugenommen, muß auch dadurch behalten werden. So lieb nun, als uns das Evangelium iſt, ſo hart laſſet uns über den Sprachen halten; denn Gott hat ſeine Schrift nicht umſonſt allein in die zwo Sprachen ſchreiben laſſen, das Alte Teſtament in die Ebräiſche, das Neue in die Griechiſche. Welche nun Gott nicht ver⸗ achtet, ſondern zu ſeinem Wort erwählet hat vor allen andern, ſollen auch wir dieſelben vor allen andern ehren.— Alſo mag auch die Griechiſche Sprache wohl heilig heißen, daß dieſelbe vor allen andern darzu erwählet iſt, daß das Neue Teſtament darinnen geſchrieben wurde, und aus der⸗ ſelben als aus einem Brunnen, in andere Sprache durchs Dollmetſchen gefloſſen, und ſie auch geheiligt hat. Und laſſet uns das geſagt ſein, daß wir das Evangelium nicht wohl werden er⸗ halten ohne die Sprachen. Die Sprachen ſind die Scheide, darinnen dieß Meſſer des Geiſtes ſtecket; ſie ſind der Schrein, darinnen man dieß Kleinod traget. Sie ſind das Gefäß, darinnen man dieſen Trank faſſet; ſie ſind die Kemnot, darinnen dieſe Speiſe lieget. Und wie das Evangelium ſelbſt zeiget, ſie ſind die Körbe, darinnen man dieſe Brote und Fiſche und Brocken behält. Ja, wo wirs verſehen, daß wir,(da Gott vor ſei), die Sprachen fahren laſſen, ſo werden wir nicht allein das Evangelium verlieren, ſondern wird auch endlich dahin gerathen, daß wir weder Lateiniſch 10


