Kirchlicher Character des reichsſtädtiſchen Gymnaſiums zu Worms. 71
Zinſen, Gülten ꝛc. des Kloſters könnten dabei der„elenden Herberg“ verblieben ſein. Die Stadt baute alsdann das Kloſter für die Zwecke der Schule um. So entſtand das erſte Gymnaſialgebäude zu Worms an der Petersgaſſe auf den Ruinen eines Kloſters.
2. Bruchſtüche aus der Geſchichte des lutheriſchen Gymnaſiums zu Worms im 16. Jahrhundert.
Es ſind zwar bis jetzt keine Urkunden aufgefunden worden, die über die Organiſation, das Klaſſenſyſtem, die Unterrichtsordnung und die geiſtigen Richtungen und Beſtrebungen des lutheriſchen Gymnaſiums zu Worms ein helles Licht verbreiten; allein aus gewiſſen Anzeichen und etlichen glaubwürdigen Angaben können doch Umfang und Character der Anſtalt wenigſtens in allgemeinen Umriſſen vermuthet werden.
Noch im 18. Jahrhundert hielt das reichsſtädtiſche Gymnaſium ſtreng an dem orthodoxen Lutherthum feſt, war von dem lutheriſchen Conſiſtorium zu Worms in Sachen des kirchlichen Bekenntniſſes abhängig und wurde jeweilig von einem lutheriſchen Geiſtlichen der Stadt, einem Mitgliede des ſog. geiſtlichen Miniſteriums, beaufſichtigt und viſitirt; und wie die Reichsſtadt Worms bis zur Vernichtung ihrer reichsſtädtiſchen Einrichtungen faſt unverändert an den Formen feſthielt, die ſie im Zeitalter der Reformation nach ihrem Bruch mit dem Bisthum Worms ſich gegeben, ſo können wir ſchon nach der kirchlichen und confeſſionellen Richtung, welche die Schule im Anfang des 18. Jahrhunderts einhielt, auf die früheren Jahrhunderte ſchließen. Die ſtädtiſche Lateinſchule zu Worms ſtand offenbar im 16. Jahrhundert nicht in der Reihe derjenigen ſüddeutſchen Gymnaſien, in denen der Geiſt des Straßburger Rectors Johannes Sturm lebte, der die alten Sprachen vor Allem wegen ihrer humaniſtiſchen Bedeutung betrieb, damit aus denſelben die Jugend den idealen Geiſt des griechiſchen und römiſchen Alterthums unmittelbar und rein ſchöpfe, ſondern die Wormſer Lateinſchule, wie ſie von Luthers Reformation hervorgerufen wurde, beſaß von Anfang an und für beinahe drei Jahrhunderte mehr die Eigenthümlichkeit der von Luther und Melanchthon geſchaffenen ſächſiſchen Schulordnung, nach der die Schule zunächſt den Zwecken der lutheriſchen Kirche diente, derſelben gleichſam als ihr Anhang untergeordnet war und alle Pflege der Wiſſenſchaften nach dem Bedürfniß der Kirche betrieb. So nothwendig dieſe Einrichtung im Zeitalter der Reformation erſchien, um nach den Zwecken der Reformatoren eine ausreichende Zahl von Predigern und Lehrern und auch proteſtantiſch geſinnte Organe der bürger⸗ lichen Geſellſchaft zu bilden: ſo mußte doch mit der Zeit der ſtarre Orthodoxismus die Entwickelung der ſtreng lutheriſchen Gymnaſien hemmen; und die innere Geſchichte des Gymnaſiums zu Worms zeigt im 18. Jahrhundert betrübende Beiſpiele der nachtheiligen Wirkungen einer engherzigen lutheriſchen Rechtgläubigkeit.
Wie die Stadt Worms Luthers Brief an die Chriſten zu Worms vom 24. Aug. 1523 (ſ. oben S. 35) lange Zeit in der Wormſer Ausgabe des kleinen Katechismus Luthers abdrucken ließ, ſo war ohne Zweifel die im Jahre 1524 von Luther„an die Bürgermeiſter und Rathsherrn allerlei Städte in deutſchen Landen“ gerichtete Schrift, worin er zur Gründung evangeliſch⸗chriſtlicher Schulen aufforderte, der eigentliche Gründungsbrief des lutheriſchen Gymnaſiums zu Worms. Deshalb verdienen einige Stellen dieſer herzerquickenden Vermahnungsſchrift Luthers hier abgedruckt zu werden, um die Richtung und die Ziele anzudeuten, die bei der Errichtung der lateiniſchen Stadtſchule zu Worms maßgebend waren.
„An die Bürgermeiſter und Rathsherren allerlei Städte in Deutſchen Landen. Gnade und Friede von Gott unſerm Vater und Herrn Jeſu Chriſto. Fürſichtige, weiſe, liebe Herrn! Wiewohl ich nun wohl drei Jahre verbannet und in Acht gethan, hätte


