Zeit der Entſtehung des lutheriſchen Gymnaſiums zu Worms 1527. 63
zuführen hat, identiſch ſind, ſo vermuthet Arnold in der Einleitung(S. 6) ſeiner Ausgabe der Zornſchen Chronik, unſre Handſchrift B„könne wohl das Original Flersheims ſein.“*) Wenn ſich Arnolds Vermuthung als berechtigt erweiſen ſollte, ſo wäre der Gewährsmann für die An⸗ gabe, daß im Jahre 1527 das Barfüßerkloſter für die Lateinſchule, die ſich ſpäter ohne Zweifel in dieſem Gebäude befand, in Beſchlag genommen ſei, der Zeitgenoſſe Zorns Franz Berthold von Flersheim. Allein auch wenn ſich die obige Notiz nicht auf Flersheim zurückführen ließe, ſo würde dieſelbe an Werth nicht verlieren. Denn alle Bemerkungen unſeres Gloſſators erweiſen ſich als die kurzgefaßten Ergebniſſe der Forſchungen eines gelehrten Mannes. Auch die unmittelbar an obige Notiz auf dem Rande des Blattes 216 b ſich anſchließende Bemerkung:„De statu Ecclesiae a tempore Lutheri vide tractatum proprium in meis prosopographicis“, beweiſt, daß der Verfaſſer nicht nur die Ereigniſſe, Zuſtände und Perſonen der Wormſer Kirchenreformation ſtudirt, ſondern auch darüber geſchrieben hat. Die Angabe des Chroniſten wird nun aber durch die oben(S. 51) abgedruckte Ausſage des Syndicus des Collegiatſtifts zu St. Andreas in Worms, Dr. Simon Engelhart heſtätigt, der in der am 26. Juni 1528 bei dem Reichskammer⸗ gericht eingereichten Klageſchrift gegen den von dem Rath zu Worms angeſtellten evangeliſchen Pfarrer Ulrich Sitzinger bezeugt, daß dieſer Pfarrer in der Barfüßerkirche zu Worms taufe, woraus hervorgeht, daß im Jahre 1528 von dem Rath über das Barfüßerkloſter bereits verfügt worden war. Da aber urkundlich feſtſteht, daß die Klage gegen Pfarrer Sitzinger, er taufe wider die chriſtliche Satzung, ſchon im Jahre 1527 erhoben wurde, ſo ſcheint es, als ob demſelben be⸗ reits ſeit dieſem Jahre die Barfüßerkirche zur Benutzung offen geſtanden. So ſtimmen alſo die beſprochenen Nachrichten darin überein, daß der Rath zu Worms im Jahre 1527 das Barfüßer⸗ kloſter in Beſchlag genommen, deſſen Kirche dem evangeliſchen Gottesdienſte, andere Räume, zunächſt die Conventſtube, der lateiniſchen Schule geöffnet habe. Da aber der Chroniſt ſagt, der Rath habe„der jungen Kinder Schul in die Conventſtube des Barfüßerkloſters ge⸗ ordnet“, und da dieſe Worte vielleicht weniger auf die Errichtung einer erſt werdenden, als auf die Unterbringung der bereits in gewiſſen Beſtandtheilen vorhandenen und bekannten Schule ſchließen laſſen: ſo iſt es nicht unmöglich, daß die erſten Anfänge der lateiniſchen Schule ſchon früher, vielleicht in den Privatwohnungen lutheriſcher Prediger oder Lehrer, mögen vorgelegen haben. Die beſprochene Nachricht findet ſich auch in der ſehr ſorgfältig gearbeiteten und ſchön geſchriebenen, im Wormſer Archiv befindlichen Chronik der Stadt Worms,*) die, nach einer Be⸗ merkung auf S. 151 derſelben, im Jahre 1613 geſchrieben worden iſt und von uns bereits oben, in der Reformationsgeſchichte, S. 39, 42, 43, 44, benutzt wurde. Dieſe Chronik, welche die Zorn'ſche Chronik enthält, Zuſätze zu derſelben gibt und dieſelbe bis zum Jahre 1612 fortſetzt, ſcheint das Auto⸗ graphon der Chronik zu ſein, die der Wormſer Pfarrer M. Andreas Wilk, Gevattermann des Chroniſten
*) So wahrſcheinlich nun auch dieſe Vermuthung Arnolds iſt, ſo iſt doch die Frage, wie es ſich er⸗ kläre, daß ſchon der Grundtext der Handſchrift B ſog. Flersheimiſche Beſtandtheile enthält, aber nicht alle, die ihm zugeſchrieben werden, und daß dann die Randbemerkungen als weiterer Zuſatz Flersheims hinzukommen, nicht in der Kürze zu beantworten. Arnold hat dieſe Frage nicht berührt.
**) Die obige Chronik wurde für das Archiv der Stadt Worms von einem Einwohner der Stadt gekauft, der dieſelbe aus dem Nachlaß des am 30. März 1851 zu Worms verſtorbenen Friedensrichters Johann Daniel Kremer erworben, der ein Enkel des Regiſtrators der ehemaligen freien Reichsſtadt Worms Ludwig Philipp Knode geweſen iſt. Arnold ſah dieſelbe nicht; da ſie den Zorn'’ſchen Text in ſich ſchließt, ſo iſt ſie als die neunte Handſchrift den acht Handſchriften Arnolds anzureihen.


