Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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58 Die Predigt des Evangeliums ungehindert 15321548.

nicht ändern. Darauf ſtellten Loonhard Brunners Freunde dem Rathe vor, wenn dieſer nicht predigen dürfe, ſo möge der Rath auch den Papiſtiſchen Pfarrern das Predigen unterſagen. Der Rath antwortet, die Erfüllung dieſes Begehrens ſtehe ganz und gar nicht in des Rathes Macht; darum ſolle die Bürgerſchaft eine kleine Zeit Geduld haben. Noch im Jahre 1531 verwandten ſich für Brunner bei dem Rath auch die Straßburger Prediger Dr. Wolf Capito und Dr. Caspar Hedio, die mehr Zwingli, als Luther anhingen und mit deren Bekenntniß Leonhard Brunner über⸗ einſtimmte, was auch noch eine Urſache dafür geweſen ſein mag, daß der Rath ſeinem Prediger nicht erlaubte über das Abendmahl in ſeinem Sinne zu predigen. Der Rath antwortete den Straßburgern nicht, und ließ es bei ſeinem Beſcheide. Zwiſchen dem Rath und Leonhard Brunner wurde ſpäter ein Vergleich darüber abgeſchloſſen, wie er über das Sacrament predigen ſolle. Dann betrat Brunner wieder die Kanzel und heirathete am 19. Juni 1532 des Goldſchmieds Sebaſtian Heuſer Tochter Margaretha. Die Ehe dieſes Pfarrers der Stadt Worms ward mit Kindern geſegnet. Die Namen von fünf Söhnen und zwei Töchtern deſſelben nennt die Chronik. Er predigte das Evangelium und verwaltete die Sacramentebis auf des Interims Zeiten 1548. Dieſe glückliche Wendung verdankte Worms des Kaiſers Nothlage. Karl V. mußte nämlich mit den Proteſtanten Frieden ſchließen, weil Sultan Suleiman Oeſterreich bedrohte. So wurde am 23. Juli 1532 der Relgions⸗ friede zu Nürnberg zwiſchen den Papiſten und den Mitgliedern des Schmalkaldner Bundes ver⸗ mittelt. Nun konnte der Rath zu Worms Leonhard Brunner und deſſen Collegen Hieronymus Brack ſechzehn Jahre lang predigen laſſen. Allein was lange gedroht, erfüllte ſich. Papſt Paul III. ließ im Jahre 1545 den Cardinal Aleſſandro Farneſe in Worms mit dem Kaiſer Karl V. über die Religionsangelegenheiten verhandeln.Sie befragen ſich über den Krieg gegen die Proteſtanten und das Concilium. Sie vereinigten ſich, daß das Concilium un⸗ verzüglich angehen ſollte. Entſchließe ſich der Kaiſer wider die Proteſtanten die Waffen zu brauchen, ſo machte ſich der Papſt anheiſchig, ihn aus allen ſeinen Kräften, mit allen ſeinen Schätzen dazu zu unterſtützen, ja, wäre es nöthig, ſeine Krone dazu zu verkaufen.*) Kaiſer Karl V. ächtete, beſiegte, verhaftete die Häupter des Schmalkaldiſchen Bundes, Philipp von Heſſen und Johann Friedrich von Sachſen, und um ſelbſt die Einheit der abendländiſchen Kirche wieder zu Stande zu bringen, erließ er am 15. März 1548 zu Augsburg für Katholiken und Proteſtanten jenes den beiden Parteien verhaßte Geſetz, wodurch bis zur Beſchlußfaſſung des Concils zwar die Prieſterehe gewährt, aber die Grundanſchauungen des Evangeliums beſeitigt wurden. Dieſes Interim verſetzte beſonders die Reichsſtädte in ſchlimme Lage. In vielen Städten des Oberrheins wurde dasſelbe mit Gewalt eingeführt und über vierhundert Prediger wurden entlaſſen. Der Rath zu Worms fügte ſich dem Interim,**) weil die Reichsſtädte, die dasſelbe nicht annehmen wollten, dem allmächtigen Willen des Kaiſers keinen Widerſtand leiſten konnten. Allen Städten, die evangeliſche Prediger beſaßen, war geboten worden, entweder dieſelben anzuhalten, daß ſie das Interim annähmen und von den Kanzeln verkündeten, oder dieſelben zu entlaſſen. Als auch der Stadt Worms ſolches auferlegt wurde, berieth ſich der Magiſtrat ſelbſt und ſuchte bei anderen Rath, wie ſie mit ihren Predigern verfahren ſollten. Der Rath erfuhr nun von Doctor Friedrich Reifſtock,*n) daß dem Interim gemäß Pfarrer Leonhard Brunner nicht als Prediger beibehalten werden könne, weil der⸗ *) L. v. Ranke, die römiſchen Päpſte in den letzten vier Jahrh., B. 1, S. 165.

*) Handſchrift F der Zorn'ſchen Chronik, im Wormſ. Archiv, Fol. 368, 369.

4**) Derſelbe griff auch in dem Proceſſe ein, den Dechant und Capitel des Andreasſtifts im Jahre 1528 gegen den lutheriſchen Prediger Ulrich Sitzinger und den Bürger Jacob Kieſel zu Worms bei dem Reichs⸗ kammergericht anhängig gemacht hatten; er war Kieſels Anwalt. Vgl. oben S. 48.