Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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56 Hemmung der Wormſer Reformation durch den Speier'ſchen Reichsabſchied vom J. 1529.

fernere Ausbreitung und Veröffentlichung der Proteſtation der Evangeliſchen unterbleiben, dagegen die Proteſtation derſelben an die Kaiſerliche Majeſtät geſchickt werden ſolle, vermochten die evange⸗ liſchen Stände ſolche Vergewaltigung nicht ſtillſchweigend zu erdulden. Kurſachſen, Heſſen, Lüne⸗ burg, Brandenburg, Anhalt und die 14 Reichsſtädte Straßburg, Nürnberg, Ulm, Conſtanz; Lindau, Memmingen, Kempten, Nördlingen, Heilbronn, Reutlingen, Isny, St. Gallen, Weißen⸗ burg und Windsheim bezeugten zwar, ſie wollten ſich friedlich verhalten, reichten aber eine ſchrift⸗ liche Proteſtation zu den Reichsacten ein, worin ſie für ſich, ihre Unterthanen, Verwandten, jetzige und zukünftige Anhänger in der beſten Form, von allen Beſchwerden, die ihnen von An⸗ fang des Reichstags bis zu Ende und in dem Abſchied begegnet oder ferner begegnen möchten, an ein freies allgemeines Concilium oder Nationalzuſammenkunft oder anderen unparteiiſchen Richter appellirten; und ſich, ihre Lande und Leute, Leib und Gut, und alle jetzige und zukünftige An⸗ hänger dieſer Appellation in des Kaiſers oder Concils Schutz und Schirm unterwarfen. Auch behielten ſie ſich vor, dieſe Appellation zu mehren, beſſern, mindern oder ändern und von neuem einzulegen. Am Tage nach der Proteſtation kamen zwar Landgraf Philipp von Heſſen und Kur⸗. fürſt Johann von Sachſen nach Worms; aber der Rath zu Worms wurde durch die innere Noth⸗ lage der Stadt, im Kampfe mit dem Bisthum gezwungen, eine ſehr vorſichtige Haltung einzunehmen. Die ganze Selbſtändigkeit der freien Reichsſtadt ruhte auf den Privilegien des Kaiſers Karls V., der ſich auf dem Reichstag zu Worms im J. 1521 ſehr freundlich gegen die Stadt erwieſen. So lange die Stadt in politiſchen und kirchlichen Angelegenheiten vorſichtig vorging und des Kaiſers Kirchenpolitik keine erheblichen Schwierigkeiten bereitete, hatte derſelbe keine Veranlaſſung, die Stadt zur Beute des Wormſer Bisthums oder der Kurpfalz werden zu laſſen. Aus dieſen politiſchen Erwägungen erklärt es ſich, weshalb der Rath zu Worms ſeinen Pfarrer Leonhard Brunner an den letzten Speier'ſchen Reichsabſchied nachdrücklich erinnerte. In der Handſchrift F der Zorn'ſchen Chronik beſpricht der Fortſetzer derſelben die Stellung des Wormſer Magiſtrats zum Speierer Reichsabſchied vom J. 1529.Als Herr Leonhard eine Zeit lang das Evangelium gepredigt, ließ er ſich vernehmen, er wolle auch einmal die Lehre von dem Nachtmal des Herrn in Predigten vornehmen und erörtern. Als der Rath ſolches erfuhr und Sorge trug, es möchte daraus eine Weiterung erwachſen, wurde Leonhard Brunner Freitags post, vocem jucunditatis a. 1529 vor den Rath beſchieden; und es wurde ihm ernſtlich vorgehalten, er möge ſich durchaus hüten, in ſeinen Predigten etwas von dem Sacramente vernehmen zu laſſen; davon möge er gar nichts predigen, ſondern ſich des Reichs Abſchied zu Speyer gemäß ver⸗ halten. Darauf antwortete Leonhard Brunner, weil dieß eine Sache ſei, die ſein Gewiſſen betreffe, begehre er Bedenkzeit bis zum Dienſtag, um dann zu antworten; inzwiſchen wolle er davon nicht predigen, aber zum bezeichneten Tag einem ehrbaren Rath in Schriften ſeine Antwort übergeben. Er ſei zu ſolchem Amte nicht allein von denen zu Worms, ſondern zuvorderſt von Gott berufen; deſſen Befehl müſſe er vor allen Dingen leben. Darauf bewilligte ihm der Rath die Bedenkzeit, ließ ihm ſofort das Reichsdecret über dieſen Glaubensartikel vorleſen und ermahnte ihn, dieſem zu folgen. Darauf erklärte Brunner, er ſei wohl zu einer Antwort bereit und im Stande, ſein Gemüth. zu eröffnen, er wolle aber im Aufblick und Gebet zu Gott über die Sache weiter nachdenken. Befinde er, daß er vom Sacrament zu predigen, mit gutem Gewiſſen abſtehen könne, ſo wolle er es thun; wo nicht, ſo wolle er lieber ſeiner Wege ziehen, als dem göttlichen Befehl ſich widerſetzen. Dienſtags nach Exaudi iſt er wider vor dem Rath erſchienen und hat ſich dahin erklärt: wiewohl er Urſache habe, nach Gottes Lehre von ſeinem Vorſatz nicht abzuſtehen, ſo wolle er doch, in Betrachtung dieſer gefährlichen Zeit, ſich in dieſer Angelegenheit um des Raths und der Bürger⸗