Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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42 Lehrſätze der Wormſer Wiedertäufer.

Denck*) und Rink wünſcht allen Chriſten erkenntnus des Vaters durch Jeſum Chriſtum ſeinen ieben Son. Amen.

Sintemal die kinder dieſer welt ſich nit ſchämen wollen, ſondern je länger je mehr gloriiren und die lüge, die aus irem vater dem Teufel und aus ſeinem eigenthumb entſpringt, ſich fürther zu handhaben unterſtehen, dabei die ewig wahrheit höchlich ſchmähen: werden wir aus Gottes kraft bewegt, der uns ſolch gemüt aus gnaden verliehen hat, daß wir von unſeres Herren wegen die lügen ſtrafen und von der wahrheit in Gott(der die Wahrheit iſt) mit anſetzung alles, ſo wir vermögen, zu zeugen, und darauf hernach geſtellte artikel mit Gottes macht wahrhaftig, chriſtlich, und aller göttlicher wahrheit gemäß, und ehrlich aus derſelb wahrheit uns zu beweiſen unternehmen, uff nächſt künftigen donnerſtag, welcher iſt der 13. tag,**) am morgen nach 6 uhrn; hieruff wird männiglich ermahnt, beſonders aber diejenigen, ſo uff den canzlen das gegentheil ſagen, daß ſie um der reinen wahrheit willen herfür in das licht treten, welches ſie ſcheuen, und ihr lehr und glauben beſchützen: dabei werde ich und alle brüder im Herrn erkannt, daß wir die wahrheit lieben.

Artieul. 1. Das wort, welches wir äußerlich mit dem mund reden, mit fleiſchlichen ohren hören, mit händen ſchreiben und drucken, iſt nit das lebenhaft, recht, noch ewig bleibend wort Gottes, ſondern nur ein gezeugnis oder anzeigung des innern, damit dem äußerlichen auch genug geſchehe. 2. Nichts äußerlichs, es ſeien wort oder zeichen, ſacrament oder verheißung, iſt der kraft, daß es den innern menſchen verſichern, tröſten und gewiß möcht machen. 3. Der kinder tauf iſt nit von Gott, ſondern richtig wider Gott und ſein lehr, die uns durch Chriſtum Jeſum ſeinen lieben Son fürgetragen iſt. 4. Im ſacrament oder in des Herrn nachmal iſt weder der weſentlich leib noch blut Chriſti, es iſt auch nach dem rechten brauch deſſelbigen hie nit recht gehalten worden. 5. Alles das in dem erſten Adam untergegangen und geſtorben, dasſelbig iſt und wird reichlicher im andern Adam, das iſt in Chriſto Jeſu unſerm herrn und vorgänger, aufgehen und lebendig werden, nach rechter ordnung. 6. Jeſus Chriſtus von Nazareth hat in keinem andern weg für uns gelitten oder genug gethan, wir ſtehen denn in ſeinen fußſtapfen und wandeln den weg, welchen er zuvor gebauet hat, und folgen dem befelg des vaters, wie der ſon, ein jeder in ſeiner maß. Wer anders von Chriſto redet, hält oder glaubt, der macht aus Chriſto einen abgott, welches alle ſchriftgelehrten und falſche Evangeliſten ſamt der ganzen welt thun. 7. Eben wie der äußerlich anbiß Adams in die verbotene frucht weder ihm noch ſeine nachkommen geſchadet hätt, wo das innerlich annehmen ausblieben wäre, alſo iſt auch das leibliche leiden Jeſu Chriſti nit die wahre genugthuung und verſühnung gegen den vater ohn innerlichen gehorſam und höchſte luſt, dem ewigen willen Gottes zu gehorchen.

Thaten, zürnend gegen Gott und doch reumüthig, zu Conſtanz enthauptet, 1529. J. J. Breitinger, Anecd. de L. Hetzero(Museum Helv. 1751. Tom. VII.) Keim, L. Hetzer(Jahrbücher f. deutſche Theologie, 1856 B. 1. H. 2.) Hagen, Geiſt der Ref. und ſ. Gegenſätze, B. 3. S. 275. 5

*) Vgl. Haſe, Kirchengeſch.§ 363:Hans Denck, der in der Liebesfülle, welche Chriſtus in vor⸗ irdiſcher Wirkſamkeit vermittelt und auf Erden vorbildlich dargeſtellt hat, die Erhebung über die Schrift, über alle Geſetze und zugleich ihre freie Erfüllung fand, war durch ſeine humaniſtiſche Bildung doch nicht über ge⸗ heimes Wiedertaufen erhoben, das er vollzog, um 7 böſen Geiſtern abzuſagen, 7 gute aufzunehmen; er wider⸗ ſprach der Gleichheit des Sohnes wie eines Abgotts mit dem Vater, aber ſein Grundgefühl war die Barm⸗ herzigkeit Gottes als unvereinbar mit einer ewigen Hölle; aus den oberdeutſchen Städten ſeiner Wirkſamkeit nur ausgewieſen, iſt er durch frühen Tod(1528) dem Ketzer⸗Märtyrerthum entzogen worden. He berle, J. Denck und ſein Büchlein vom Geſetz(Stud. u. Krit. 1851, H. 1.) J. Denck und die Ausbreitung ſeiner Lehre(Ebendaſ. 1855, H. 4.) G. Röhrig, la vie et les écrits de J. D. Strasb. 1853.

**) Die Chronik aus dem Jahre 1613 ſetzt hinzu; dieſes monats Junii.(p. 591.)