Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
Einzelbild herunterladen

36

Gebote der Liebe, in den Strafen, beſonders in den Sklavengeſetzen, in dem Gebote der Wohlthätigkeit, der Feindesliebe, ſelbſt der Schonung gegen die Thiere; auch in der von großen Gräueln reinen Weſchichte ferner in den Darſtellungen Gottes, ſoweit ſie menſchlich ſind.

3. Eigenthümliches Fortbeſtehen dieſes Volkes nach der Zerſtörung ſeines Reiches. Wichtigkeit ſeiner Sitten und Vorſtellungen und aller ſeiner Eigenthümlichkeiten für uns, ſelbſt ſeiner Sprache; alles dies iſt Grundlage des Judenthums; es zeigt ſich hier die innere Conſequenz und Richtigkeit deſſelben.

4. Irrthum, einer auf ſolchen Grundlagen ruhenden Religion eine Theologie zu geben. Die Theo⸗ logie iſt eine ſcholaſtiſche Wiſſenſchaft, d. h. eine, welche den Verſtand zu Aufrechthaltung von Meinungen anwendet, welche ſelbſt nicht aus Verſtandesgründen entſprungen ſind. Dies kann nur durch ein Syſtem geſchehen; auf die jüdiſche Religion iſt aber kein Syſtem anwendbar. Das Judenthum iſt eine Reihe natür⸗ licher Entwickelungen, die frei ſind, das Syſtem aber hebt die Freiheit auf. Das Judenthum kennt keinen Conflikt zwiſchen Glauben und Denken, alſo auch keine Scholaſtik Anders iſt es mit dem Chriſtenthum, welches auf den Glauben gegründet iſt.

5. Nothwendigkeiten, welche ſich bei einer Religion ergeben, welche auf den Glauben gegründet iſt. Kirche. Das Judenthum kennt keine Kirche. Conflikte zwiſchen Einheit und Freiheit. Katholicismus, Pro⸗ teſtantismus. Nothwendigkeit der Freiheit des Denkens. Geſetze können nur auf das Handeln gehen. Irr⸗ thum des Deutſchkatholicismus.

6. Ideal einer Religionsverbindung; ſie muß eine erbliche Verbindlichtit zu gewiſſen Handlungen enthalten. Es muß zu gleicher Zeit eine Lehre und eine Poeſie vorhanden ſein; dieſe kann aber nur in einem beſondern Volke gefunden werden. Wichtigkeit der Nationalität. Eindringen der Nationalität ſelbſt in das Chriſtenthum. Nothwendigkeit der Entwickelung für eine jede Religion.

7. Unterſchied zwiſchen dem Judenthum und Chriſtenthum. Das Chriſtenthum iſt eine Confeſſion, das Judenthum eine Volksthümlichkeit. Unterſchied in Bezug auf den Glauben. Das Weſen des Glaubens im Judenthum. Vorſtellung von Gott.Jeder iſt ein Jude, der nicht an einen Götzen glaubt, d. h. keine ſinnliche Vorſtellung von der Gottheit hat. Der Glaube bezieht ſich nicht auf den Verſtand; ſonſt wäre er eine Verſtandesmeinung. Gegenſtand des Glaubens kann nur ſein, was an und für ſich nicht be⸗ zweifelt werden kann, weil es einer Seite des menſchlichen Weſens mit Nothwendigkeit entſpricht. Unglaube iſt nicht wirklich vorhanden, ſondern Selbſttäuſchung. Auch der Pantheiſt kann in jüdiſchem Sinne gläubig ſein. Es iſt die Aufgabe des Judenthums, die ſinnlichen Vorſtellungen von der Gottheit überall zu bekämpfen. Andererſeits bedarf es zur Aufrechthaltung des Glaubens nicht der wiſſenſchaftlichen Bekämpfung einzelner Theorien. Es beruft ſich vielmehr unabhängig davon auf unauslöſchliche Forderungen des menſchlichen Ge⸗ müths. Beim Uebertreten des Glaubens in das Chriſtenthum iſt etwas Anderes aus ihm geworden; aus dem Wiſſen des Nichtwiſſens die Einbildung eines beſtimmten Wiſſens.