Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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Da erſcheint Gott dem Hiob im Gewitter. Er ſpricht zu ihm, führt ihm in herrlichen Reden die Wunder der Welt vor Augen, zeigt ihm, wie wenig der Menſch in das Getriebe der ganzen, großen Natur einzugreifen vermöge, wie unabhängig ſie von menſchlichem Geiſt und menſchlicher Kraft ſei, und macht ihm durch die Schilderung mächtiger Thiere, welche, wenngleich unvernünftig, alles Menſchenwitzes ſpotten, die Leichtigkeit, Freiheit, Selbſtſtändigkeit des Daſeins anſchaulich, welche die unendliche Weisheit ihren Geſchöpfen gegeben, indem ſie durch die einfachſten Mittel das ſchlichtet und vollendet, was dem Menſchen unerklärlich erſcheint. Hiob, zuerſt ergriffen und bewältigt von dem gewaltigen Eindruck, bricht endlich entzückt über die Verwirklichung ſeines einzigen Wunſches in die Worte aus:

Deine Kunde hatte mein Ohr vernommen, Doch nun hat mein Auge Dich geſehen. Drum fahre hin und ſei nicht mehr gedacht Der irdiſche Staub.

Gott aber, nachdem er die drei Freunde(denn Elihu war vor dem Anblick Gottes verſchwunden) durch Hiobs Vermittlung geſühnt und ſo um deſſen Stirn den Kranz des Siegers gewunden, erhebt ihn zu neuem Glanze und erſetzt ihm alles verlorene Glück reichlich. Und Hiob ſtarb alt und lebensſatt.

So endet dieſe Dichtung. Wie ſie in der Idee groß, in der Ausführung vollendet, in der Sprache reizend und unendlich wohlklingend iſt, ſo eignet ſie ſich auch am beſten, den Geiſt des hebräiſchen Volkes in ſeiner höchſten Blüthe erkennen zu laſſen. Denn die Poeſie in ihrer Vollendung iſt zugleich der ſchönſte und vollkommenſte Ausdruck des ganzen menſchlichen Weſens. Und wie der Wanderer in fernen Gegenden den Weg durch unbekannte Länder und Meere an dem ewigen Glanze der Sterne ſucht und durch ihren Anblick zugleich das erhebende Gefühl eines großen gemeinſamen Vaterlandes aller Menſchen in ſeiner Seele weckt: ſo führt uns die Poeſie, indem wir ihrem Strahle folgend Sinn und Weſen weit ent⸗ rückter Völker zu erforſchen ſtreben, zu der Empfindung einer in allen Zeiten und Völkern waltenden einzigen Menſchheit und der Gemeinſchaft alles Hohen, Herrlichen und Göttlichen.

D. Dispoſition zu einer Abhandlung über das Judenthum.

1. Unbeſtimmtheit des Weſens und der Grenzen des Judenthums. Verſchiedene Antwort, was es ſei. Wechſel ſeiner Erſcheinung in verſchiedenen Zeiten. Zurückkommen auf das hebräiſche Alterthum.

2. Weſen des hebräiſchen Volkes im Alterthum. Das Weſen eines Volkes iſt nicht definirbar, ſo wenig wie alles Natürliche, etwa die Geſichtszüge oder der Charakter des Einzelnen. Es kann aber nach ſeinen einzelnen Zügen durch Anſchauung erkannt werden, und zwar hauptſächlich durch ſeine Sprache, ſeine Literatur und Poeſie, ſeine Sitten und Vorſtellungen, ſeine Geſchichte. Was das hebräiſche Volk am meiſten auszeichnet, iſt die Art ſeiner Weltanſchauung. Bedürfniß des Menſchen nach der Vermehrung und Er⸗ höhung der Welt. Die griechiſche Idealität; das Schickſal, die Götter. Gegenſatz bei den Hebräern: die Ueberſinnlichkeit, hervorgegangen aus der tiefen Empfindung von dem Unterſchiede des Höheren, im Ge⸗ müth Vorhandenen und dem von der Wirklichkeit Gebotenen. Vorſtellung von Gott, als das Unbegreif⸗ liche. Fernerer Gegenſatz in ſittlicher Hinſicht. Ideal der Sittlichkeit bei den Hebräern, beſtehend in der Rein⸗ heit der Seele; Sünde. Dieſes Ideal iſt, wenig verändert, nicht vervollkommnet, auch auf die anderen Völker übergegangen. Zartheit des Familienlebens, Reiz der älteſten Familiengeſchichten. Die Familie iſt bei den klaſſiſchen Völkern kein Gegenſtand der Dichtung, bei den Römern iſt Aeneas nur pflichttreu und voll Pietät gegen ſeinen Vater, aber die Innigkeit des Verhältniſſes bleibt unberückſichtigt. Ebenſo die Freundſchaft, bei den Griechen als aufopfernd und thätig, bei den Hebräern außerdem als zart und hin⸗ gebend geſchildert. Endlich iſt ein Hauptzug des Volkes Milde; ſie zeigt ſich in ſeinen Geſetzen, in dem