dem Ihr von dem Freunde abgefallen, zu ergreifen; Ihr, die Nichtigen, die Gottes Anblick, wenn er Euch erforſchen wollte, zu Boden ſchlagen würde“. Schon ſteht er rieſengroß neben ſeinen Gefährten, wie ein Sieger unter Beſiegten und wendet ſich an Gott, den erſteu Kreis ſeiner Reden durch einen Schluß krö⸗ nend, in dem ſich ſein edler und hoher Sinn klar und glänzend offenbart. Immer wärmer und lebendiger tritt die Frage: warum wird doch das Gute und das Böſe ſo wenig vergolten? vor ſeine Seele. In dem höchſten Schwunge ſeines Geiſtes beginnt er das Unendliche, Unerklärliche zu ahnen; er ſchweift über die Grenzen des Erdenlebens hinaus, ſeine Hoffnung trägt ihn bis zu jenem Bereich, wo andere Menſchen ſich mit der dumpfen Ruhe des Nichtſeins begnügen. Ueber ſeinen eigenen Schmerz erhaben, ſcheint er nur den Schmerz des ganzen menſchlichen Geſchlechts in ſeiner Bruſt zu fühlen. Der Menſch, ſo klagt er:
„Der Menſch, vom Weib geboren,
Iſt arm an Tagen, aber reich an Gram.
Wie eine Blume ſproßt er und verwelkt,
Und wie ein Schatten flüchtig, weilt er nimmer.
Auch darauf ſenke deinen Blick herab,
Und laß mich mit dir rechten!
Ach, harrte doch des Guten mit dem Schlechten nicht
Das gleiche Loos!“....
So wird Hiob immer höher und erhabener; die Freunde anfangs immer heftiger, verſtummen mehr und mehr, bis endlich Zophar, der ſelbſtzufriedenſte von allen, gar nichts mehr zu ſagen weiß; während ſich in Hiob die Ahndung göttlicher Unendlichkeit, die Ueberzeugung einer höheren Gerechtigkeit und doch wieder das Bewußtſein eigener Unſchuld zu einem Kampfe bildet, der wünſchend, hoffend und zuletzt ver⸗ trauend, einer höheren Löſung entgegenſtrebt. In dieſem Kampfe iſt er mit dem Fauſt des Göthe zu vergleichen, der ebenfalls über die Schranken der Endlichkeit zu einem Hohen, Unerreichbaren hinanzudringen ſtrebt. Während aber Fauſt, als eine fühlende Seele unter lauter trocken Verſtändigen, ſich unbedingt ſeinem Gefühle hingibt und ſo der Verführung zum Opfer fallend, rührt: ſo macht umgekehrt Hiob, über alle Verführung obſiegend und in immer ſchönerer, klarerer Entfaltung als ein denkender Geiſt unter unklaren, ſchwärmeriſchen, brausköpfiſchen Menſchen unſere höchſte Bewunderung rege. Dieſes Verhältniß Hiobs zu ſeiner Umgebung tritt völlig deutlich hervor in Elihu, der zu Hiob etwa in dem Gegenſatze ſteht, wie Wagner gegen Fauſt. Nachdem nämlich die Freunde Hiobs verſtummt ſind, tritt plötzlich Elihu auf, der jünger iſt, als ſie alle, und verſucht es, den Kampf zu erneuen. Und weil er von dem, was in Hiobs Seele vorgeht, keinen Begriff, auch nicht die leiſeſte Ahndung hat, ſo iſt er grade darum der allerdringendſte, ab⸗ ſprechendſte und ſelbſtzufriedenſte. Er beginnt, er habe geglaubt, dem Aelteren den Vorrang laſſen zu müſſen, nun ſehe er aber, daß Alles auf das Genie ankomme und daß Alter und Erfahrung gar nichts ausmachten. Darum wolle nun er reden; denn ſchon längſt habe es ihn wie gährend und brauſend dazu gedrängt. Er ſpricht dann dieſelbe klügelnde Weltanſicht aus, welche die Freunde geäußert, aber noch weit heftiger gegen Hiob, dem er ſelbſt eine längere Prüfung wünſcht, weil er immer noch nicht zur Beſinnung gekommen ſei. Indem er an einem Gewitter, welches eben heraufzieht, die Größe Gottes darthut, ſchließt er:
„Das Licht wird nicht geſehn,
Es birgt ſich glänzend unter Wolken;
Doch zieht ein Wind daher und klärt ſie auf. Vom Himmel zuckt ein goldner Strahl,
Die Hülle Gottes, hehr in ſeiner Pracht. Doch den Allmächtigen erblickſt du nicht,
Der groß an Macht und Recht iſt,
Und den Tugendhaften nicht verletzt.
Drum fürchtet ihn, ihr Menſchen!
Denn auch den Weiſeſten ſchaut er nicht an.“


