Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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Theil unſerer Vorſtellung vorſchwebt, völlig verſchieden. Denn das Bild, das ſich die Griechen von der höchſten Vollkommenheit des Mannes machten, war eine männliche Tugend; es beſtand im einem freien, tüchtigen, großartigen Sinn, in der ſicheren Herrſchaft über alle ſeine Kräfte, in dem beharrenden Gleich⸗ gewichte und dem ſchönen ruhigen Gleichmaße ſeines ganzen Weſens. Hingegen könnte man die Tugend der alten Hebräer mehr eine weibliche nennen; denn ſie ſetzten ſie in eine Empfänglichkeit für ſanfte und edle Gefühle, in eine unſchuldige Einfalt des Gemüths und in eine fromme Hingebung an die Gottheit; wie ja auch ſchon in jenem unähnlichen Brüderpaare Eſau, der mehr ritterliche und darum wohl nach Begriffen unſerer Zeit zuweilen vorgezogene, aber weniger ſanft und edel gehaltene Charakter, des Vaters Liebling iſt, Jakob aber im Gegenſatzt zu dem fremdartigen Weſen ſeines Bruders, ächt national gebildet, der Liebling der Mutter. Und ſo iſt denn Hiob ein Mann, ſchlicht und bieder, der Gott fürchtete und das Böſe mied....

Dieſes entſetzliche Leid, ſo erfahren wir, war über die Armen durch die Veranlaſſung des Satan gekommen. Dieſes Weſen ſtellte ſich nämlich das hebräiſche Volk als das Prinzip des Böſen vor. Doch darf man ſich darunter keineswegs jene grinſende Bildung denken, welche in der ſpäteren Zeit und dem Mittelalter den Namen des Satans oder des Teufels führt. Jener Satan, das Götterkind, hat durchaus keine eigentliche Luſt am Böſen; ſondern indem er den Keim des Böſen weckt und nährt, indem er nir⸗ gends eine Vollkommenheit, nichts Edles und Schönes gelten laſſen will, vielmehr überall eine kleine Blöße, einen Mangel aufzufinden ſucht, um ſie der Gottheit als einen Einwurf gegen die unendliche Weisheit entgegen⸗ zuhalten, ſo iſt ſein Wohlgefallen dabei nur das über ſeinen eigenen Scharfſinn, der göttlichen Weltord⸗ nung gegenüber. Im Mittelalter war hingegen der Teufel, wenn ich ſo ſagen darf, das Ideal alles Niedrigen und Gemeinen, und ein vollendeter Gegenſatz zum Guten, Sittlichen und Menſchlichen. Er ſelbſt beförderte das Schlechte nach allen Kräften und ſeine Geſchöpfe, die Hexen, wirkten dabei ſelbſt leibhaftig und körper⸗ lich mit. Shakespeare, bei dem die Leidenſchaften, nicht wie in dem griechiſchen Drama, ſtets als traurige Mitleid erweckende Krankheiten des menſchlichen Geiſtes dargeſtellt ſind, bei dem es vielmehr oft iſt, als ob im Hintergrunde eine grauenvolle dämoniſche Macht mit einer eigenen Luſt hereinſchaute, welche, den Knoten ſchürzend, ihr unglückſeliges verblendetes Opfer in das Verderben ſtürzt Shakespeare hat im Macbeth die Hexen den Vorſtellungen ſeiner Zeit gemäß gebildet und zu Urhebern der Verführung ge⸗ macht, welche in dieſem Stücke waltet. Die Entſetzlichkeit ſolcher Geſtalten konnte Schiller's edles Gemüth nicht ertragen, ſondern indem er ſie in ſeiner Bearbeitung umänderte, ſo hat er aus einer conſequent böſen Bildung eine ſonderbare Miſchung von Güte und Bosheit gemacht, in der man bald Shakespeare's großartige und mannigfaltige Phantaſie, bald Schiller's weiche Seele wieder erkennt. Dagegen hat Göthe in dem Mephiſtopheles ein bewundernswürdiges Ideal des Böſen geſchaffen, welches der urſprünglicheren und edleren Geſtalt des Satan weit näher kommt, und welches er ſein eignes Weſen mit den wenigen treffenden Worten ſchildern läßt:Ich bin der Geiſt, der ſtets verneint. In⸗ dieſem Sinne, als der Geiſt des Widerſpruchs, handelt auch der Satan im Hiob.....

Sprudelnd und tobend tritt nun Zophar, der Jüngſte, zum Kampfe gegen ihn heraus. Er ſagt ihm Prahlerei und Sündhaftigkeit auf den Kopf zu, beweiſt ſie ihm aus Gottes Weisheit und Macht ganz unwiderleglich und iſt doch noch zuletzt gütig genug, ihm, falls er ſich bekehren wolle, ein glücklicheres und ruhiges Leben zu verſprechen. Nun wandelt endlich Hiob einige Bitterkeit und Ironie gegen ſeine Freunde an.Ja wahrlich ſagt er,ihr ſeid Leute, mit euch geht die Weisheit zu Grab! Das wiſſe er auch, fährt er dann fort, daß er allen Guten zum Geſpötte werde, und es nicht ändern könne, weil Gott mächtiger ſei als er.Aber weil ich es weiß, ſo will ich meine Worte auch an Gott richten, und nicht an Euch, die Ihr nichts klüger ſeid als ich, und es dennoch wagt, Gottes Sache heimlich, trügeriſch, nach⸗

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