Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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dauert. Dann ſoll ich ſagen, ob ich austreten, oder bei ihm mein ganzes Talent, wie er ſich ausdrückte, ihm widmen und es nicht egoiſtiſch für mich benutzen wolle. Dann aber müßte ich das Studium alter Sprachen, die der Buchhändler ja doch nicht gebrauchen könne, gänzlich fahren laſſen. Dieſen Brief werde ich in einen andern einſchlagen, der auch an Dich und an die l. Eltern gerichtet iſt, aber in einem andern Tone. Es wird mir etwas Mühe koſten, ſo ruhig zu ſchreiben, obſchon ich ebenſo ruhig bin, wie gewöhnlich. Schreibe mir bald und bitte auch die liebe Mutter einige Zeilen unter Deinen Brief zu ſchreiben, damit ich weiß, ob ſie noch ebenſo liebt wie früher ihren und Deinen Euch herzlich und ewig liebenden Lazarus.

C.

Bruchſtücke aus einer Rede überdas hebr. Gedicht Hiob, ſeiner Idee und Ausführung nach entwickelt. Vorgetragen bei der Progreſſionsfeier des hieſigen Gymnaſiums am 27. Auguſt 1847.

Wenn ſchon an und für ſich die Ausbildung der Poeſie eines jeden Volkes das höchſte Intereſſe erwecken muß, ſo iſt die Theilnahme doch doppelt groß, wenn das Volk auf die geiſtige Entwickelung unſeres eigenen einen bedeutenden Einfluß geübt hat. Nicht leicht aber hat eines, außer dem griechiſchen, ſolch einen Antheil an unſerer Entwickelung, wie das althebräiſche. Darum möge es mir, verehrte Anweſende, vergönnt ſein, Ihre geneigte Aufmerkſamkeit einige Zeit auf eine Dichtung des hebräiſchen Volkes zu lenken, welche nicht nur durch die hohe dichteriſche Ausbildung, ſondern auch durch die größere Anſchließung an unſere Art zu denken und zu dichten, am meiſten zur Vergleichung auffordert. Es iſt nämlich das Buch Hiob ſelbſt in der Form unſern Kunſtwerken ähnlicher als der größte Theil der hebräiſchen Literatur, und es ſcheint mir daſſelbe dem, was wir unter der dramatiſchen Gattung verſtehen, ziemlich nahe zu kommen. Denn wenn man den erzählenden Vorbericht und Schluß ausnimmt ſo üben darin durchgängig beſtimmt gehaltene Charaktere in wechſelnder Rede eine ſtete Wirkung auf einander, um ſo durch Handlung eine Idee, welche durch das Ganze geht, vor Augen zu führen. Und zwar bezieht ſich dieſe Idee auf die Vergeltung der menſchlichen Handlungen, einen Gegenſtand, der dem hebräiſchen Volk, ſein ganzes Daſein hindurch, Stoff zum beſtändigen Nachdenken bot, indem es dabei ſeinen Geiſt, völlig verſchieden von dem griechiſchen, immer mehr und mehr auf ein Höheres, über die irdiſche Welt Hinausgehendes richtete. Wie nämlich ein frühreifer Menſch meiſtens weit eher zu einem ahnenden Gefühle des Großen und Hohen fähig wird, als er über ſein eigenes Weſen zu völliger Klarheit gelangt und im Stande iſt, ſich mit der äußerern Welt in völligen Einklang zu ſetzen: ſo hatte auch die zeitigende Sonne jener Länder dem hebräiſchen Volk zu einer Ahndung des Göttlichen und Unendlichen, zum Beſchauen und Betrachten des Ueberſinnlichen früh⸗ zeitig Sinn und Empfänglichkeit gegeben.

Und während ſo der ordnende Sinn der Griechen ſtets darauf bedacht war ſich mit der Weltordnnng in eine ſchöne Harmonie zu ſetzen; während ſie Alles, was ſie umgab, zu einem ſchönen, freien, heiteren Ganzen zu bilden ſuchten: ſo ſchweifte die Phantaſie der Hebräer, mit der ſinnlichen Welt unbegnügt, beſtändig in ein Reich des Unſichtbaren, der Ahndung und der Unendlichkeit hinaus. Daher finden wir zum Beiſpiel über die Vergeltung in der Electra des Sophocles eine völlig abgerundete, befriedigte An⸗ ſicht, indem darin gezeigt wird, wie durch eine die Geſchicke der Menſchen leitende höhere Fügung einer jeden That die völligſte, gerechteſte Vergeltung wie von ſelbſt folge. In dem Hiob hingegen iſt die Idee dar⸗ geſtellt, daß ſich der Menſch den von Gott geſandten, wenn auch ſcheinbar ungerechten Schickſalen fügen ſoll, im Glauben an eine dem menſchlichen Auge verborgene, unerklärlich waltende Gerechtigkeit. Und ſo bildet dieſe Dichtung durch die Hinweiſung auf ein Unerklärliches, nach deſſen Erkenntniß das menſchliche Herz vergeblich ringt, einen Aufflug zu dem Gedanken der Unſterblichkeit.

Um aber dieſe Idee zu verſinnlichen, ſo wird in Hiob ſelbſt ein Ideal menſchlicher Tugend aufge⸗ ſtellt. Doch iſt dieſes Ideal wieder von dem, was ſich die Griechen darunter dachten und was auch zum