Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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ich dachte, daß, was Schönes ſchaffe, auch ſchön und groß ſein müſſe und vergaß, daß es nicht des Goldes bedürfe, um die Erde zu düngen, die erquickende Früchte bringen ſoll. So glaubte ich, und fand mich getäuſcht. Immer klarer trat mir der Gedanke vor die Seele, daß ich ſo nicht leben könne. Und wenn ich im Zimmer ſaß und regiſtrirte oder ſonſt eine Arbeit that, von der man mir eine Viertelſtunde ſpäter ſagte, man hätte ſie mir bloß gegeben, um mich zu beſchäftigen und draußen ſchien die Sonne ſo freundlich und Alles freute ſich des Frühlings da konnte ich es nicht länger aushalten und ich ſuchte die Straße unter irgend einem Vorwande. Warum, dachte ich, ſoll ich allein meines Frühlings nicht froh werden, warum ſoll ich die ſchönſte Zeit meines Lebens traurig und troſtlos verbringen, die Zeit, in der das Blut raſcher durch die Adern ſtrömt, wo Gott ſelbſt zu ſagen ſcheint: Thue, denn jetzt kannſt Du noch thun! wozu das Feuer verrauchen laſſen, das ſich, ach, nie wieder anfachen läßt!

Und ich dachte an Euch, wie Ihr Euch in glückliche Tage träumtet, uns alle glücklich dachtet, im Frieden und in gegenſeitiger Liebe und ich trug und ſchwieg. Da ich öffentlich das Studium nicht fortſetzen konnte, ſo pflog ich es insgeheim, und als ich eine Lücke in der Literatur fand, die ich aus⸗ füllen konnte, ſo fühlte ich mich berechtigt, verpflichtet, ſie auszufüllen. Ich fing an, ein chaldäiſches Wörterbuch zu ſchreiben, an dem ich noch arbeite. Ich ging noch weiter: ich hoffte, daß Ihr durch das Lob, das ich mir dovon verſprach und verſpreche, überzeugt werdet, daß ich eine beſſere Bahn hätte wählen können. Da trat der Umſtand ein, den Du kennſt, und der Eure freudige Zuverſicht auf kurze Zeit in bange Beſorgniß, meine Trauer aber hoffentlich für immer in Fröhlichkeit verwandeln wird. Als mir der Herr v. Zabern ſagte, daß ich mich Euch entdecken und ſo mit einem Schlage das Glück zerſtören ſollte, das elterliche Sorgfalt und kindliche Liebe um uns geflochten, da war ich meiner ſelbſt kaum mehr mächtig; es ſchwindelte mir und nicht viel fehlte, ſo wäre ich umgeſunken. Als er weg war, wankte ich meinem Pulte zu und, wie um ſchnell einen Entſchluß zu faſſen und auszuführen, nahm ich mir gleich Papier. Die Glocke ſagte mir, daß zwei Stunden ſeitdem verfloſſen waren, und es war noch leer. Sobald ich ruhiger geworden war, entſchloß ich mich, den Brief zu ſchreiben, den Du geleſen haſt. Von da an ſtiegen die tollſten Hoffnungen in meinem Kopfe auf; ich glaubte eine Antwort zu bekommen, die mir ſagte, daß ich viel Kampf würde anwenden müſſen, aber mir zugleich verſprach, daß ich belohnt werden würde. Wer weiß, was ich alles hoffte? Ich war anfangs ganz aufgeregt und faßte alles, was ich that, mit einer wahren Wuth an; man hätte mir eher alles Andere, als innere Freude anzuſehen ge⸗ glaubt. Da kam der Brief der l...... ,den ich mit Ungeduld erwartet hatte. Die eine Viertelſtunde, die ich gebrauchte, ihn zu leſen, reichte hin, die Hoffnungen einer ganzen Woche zu vernichten; ich wußte nicht, was ich thun ſollte, und all mein Muth war geſunken. Ich wollte den Brief dem H. v. Zabern zeigen, aber er ließ mich ihm bloß den Inhalt ſagen. Dann ſagte er mir vieles Schöne, das wahr, und vieles Wahre, das bitter war. Jetzt, nachdem ich ihn verlaſſen hatte, wich mein Schmerz den erſten Thränen, die ich ſeit jenem Abend geweint, wo ich, das Erſtemal allein und in einer fremden Stadt wie verloren,

eine düſtere Zukunft vor mir zu ſehen meinte. Seitdem iſt mir meine alte Ruhe zurückgekehrt und ich will zuerſt Euren Brief kurz beantworten. Ich will mich bezwingen und die Sprache der kalten Ueber⸗ legung annehmen, die Du mir, liebe....., in Deinem Briefe empſiehlſt. Zuerſt räthſt Du mir, mich

zu prüfen, und willſt, daß die Prüfung zu Gunſten des Buchhandels ausfalle. Aber wie es einerſeits Sünde geweſen wäre, Dir und der lieben Mutter Kummer zu verurſachen, ohne daß ſich durch reifliche Ueberlegung ergeben hätte, daß ich ihn nicht vermeiden kann, ſo finde ich auch andrerſeits Deinen Schluß, wenn nicht falſch, doch übereilt. Du behaupteſt, daß ich als Buchhändler unfehlbar glücklich, oder richtiger reich würde, während ich als Orientaliſt auf eine freudenreiche Zukunft keinen Anſpruch machen könne. Du ſchilderſt mir in's Einzelne das Glück eines wohlhabenden Kaufmanns, glaubſt oder willſt glauben, daß ich einſt Kaufmann heißen und Gelehrter ſein könne, und vergiſſeſt, daß ich das Talent verbannen muß, das ſich nicht nach Wunſch zu dem wieder zurückrufen läßt, der es ſo ſchnöde verwies. Du kennſt